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Reform als Pakt« Interview mit Álvaro García Linera

Reform als Pakt« Interview mit Álvaro García Linera

Eine typische Wohnung der Mittelschicht in einem zentral gelegenen Viertel von La Paz. Das Wohnzimmer ordentlich, weder zu groß noch zu klein, kahle Wände, zwei Sessel und ein Couchtisch. Jede Menge Bücher über Sozialwissenschaften, Geschichte, Wirtschaft und Politik. Hier würde man das Zuhause eines intellektuellen Akademikers vermuten. Stattdessen wohnt hier der Vizepräsident Boliviens. Er kommt in Eile und mit sehr kleinem Gefolge zum Interview. Obwohl García Linera das zweithöchste Amt der Republik inne hat und eine der tragenden Säulen der Regierung von Evo Morales ist, erscheint er nur in Begleitung eines Adjutanten, eines Fahrers und eines Assistenten. Letzterer klagt halb im Ernst und halb im Scherz, dass er bei diesen Arbeitszeiten bestimmt nie seinen Masterstudiengang abschließen wird. García Linera ist außerdem Dozent für Soziologie, Essayist und Anhänger von Pierre Bourdieu. Der autodidaktische Mathematiker und Soziologe war jahrelang eine der meistgehörten Stimmen der bolivianischen Linken. Garcia Linera saß wegen Aufruhr und bewaffnetem Aufstand fünf Jahre im Gefängnis. Vor Jahren war er einer der Vordenker des modernen bolivianischen Indigenismus. Heute ist er in erster Linie Politiker – ein Staatsdiener, dessen schwierige Aufgabe es ist, die Entscheidungen seiner Regierung zu vermitteln und zu begründen. In vielerlei Hinsicht bildet er das Bindeglied zwischen der stark in der indigenen und ländlichen Bevölkerung verwurzelten Partei Movimiento al Socialismo (MAS, Bewegung zum Sozialismus) und der städtischen Mittelschicht. »Nur wenn mich der Präsident anruft«, sagt er, bevor er seinem Assistenten das Handy übergibt und sich für das Interview mit NUEVA SOCIEDAD bereit erklärt. Der bolivianische Indigenismus

Der Indigenismus stellt einen der wichtigsten Bezugspunkte der Regierung dar und zielt auf die Berücksichtigung traditioneller Werte und der bolivianischen Geschichte – auch der vor der Unabhängigkeit – in die Politik. Wie passt das mit der Notwendigkeit zusammen, sich in die kapitalistische Ordnung einzufügen? Oder anders gesagt: Gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Indigenismus und Moderne?

Bolivien zeichnet sich durch zwei wesentliche Besonderheiten aus: seine ethnische und kulturelle Vielfalt und die Diversität seiner nationalen Kultur. Das Zweite scheint auf den ersten Blick dasselbe zu sein, meint jedoch etwas ganz Anderes, nämlich die große zivilisatorische Vielfalt unseres Landes. Damit meine ich die vielfältigen Produktionsmethoden, Akkumulationsprozesse, Vorstellungen von politischer Autorität und symbolischen Systeme zur Interpretation der Welt. Diese beiden Eigenschaften der bolivianischen Realität dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Wenn wir von Indígenas sprechen, dann meinen wir nicht automatisch einen traditionellen oder archaischen Lebensstil. Es gibt Indígenas, die wirtschaftlich gesehen sehr modern sind, sehr marktorientiert, zutiefst der Globalisierung verpflichtet. Einige von ihnen verstehen es besser als die traditionelle Bourgeoisie, sich Marktnischen und neue Chancen zu erschließen. Es gibt also einen modernen Indigenismus?

Ja. Natürlich gibt es auch einen traditionalistischen Aspekt. Aber der hat eher etwas mit einer bestimmten zivilisatorischen Struktur zu tun, nicht so sehr mit einer ethnischen Gruppe. In Bolivien gibt es drei kulturelle Hauptidentitäten: die Mestizen, die Aymaras und die Quechuas. Hinzu kommen 32 kleinere Gruppen. Jede von ihnen hat eine eigene Sprache und Identität. Und die Indígenas beteiligen sich ebenso sehr am traditionellen Dorfleben wie am modernen, von Handel und Industrie geprägten Leben. Beides muss man von-einander trennen. Ein Teil der mestizischen Welt ist in diesen archaischen Strukturen verhaftet und der andere Teil in der modernen Welt. In Bolivien erleben die indigenen Völker offensichtlich eine Renaissance. Dies ist ein zyklisch auftretendes Phänomen in unsrer Geschichte und hängt jeweils von den Akkumulations- und Expansionsprozessen der Wirtschaft sowie von der Ausweitung oder Einengung von Rechten ab. Aber die indianische Kultur mit ihren verschiedenen Spielarten ist seit den 70er Jahren vehement auf die Bühne der bolivianischen Politik zurückgekehrt. Das ist eine Folge des Scheiterns der Modernisierung und der sozialen Gleichstellung der Revolution von 1952.

Die keine indigene Revolution war.

Natürlich nicht. Jene Revolution versuchte, die Frage nach der Gleichheit der indigenen Völker auszuklammern. Die indigene Bewegung entstand just als Reaktion auf diese falsche Revolution. Aber im Gegensatz zu dem, was allgemein angenommnen wird, ging diese Bewegung ursprünglich nicht von den Kleinbauern aus, sondern von den Städten. Den Kern bildete eine Intelligenzija aus frustrierten Intellektuellen, denen der versprochene soziale Aufstieg nicht gelang und die sich gegen die weiterhin vorherrschende Diskriminierung von Hautfarbe, Nachnamen und Sprache auflehnten. Bei der Herausbildung der gesellschaftlichen Klassen in Bolivien stellte sich also heraus, dass es ein ethnisches Kapital gab. Seitdem hat die indigene Bewegung verschiedene Phasen durchschritten. Zunächst ihre von den Eliten angeführte Entstehung, später zum Ende der 70er Jahre ihre Verbreitung in den Dörfern, insbesondere im Hochland. Ende der 80er Jahre lebte die indigene Idee im Tiefland neu auf. Dieses Mal setzte sie auf die Eroberung von Rechten und auf Konfrontation, nicht auf Ausgleich. Daran schloss sich eine Phase an, in der die Umwandlung dieser Bewegung in Parteien versucht wurde, also der Übergang von einer Gewerkschafts- in eine Parteiorganisation. An dieser Stelle traten zwei Strömungen auf: eine, die sich von den traditionellen Parteien und dem neoliberalen Projekt kooptieren ließ, und eine andere, radikalere, die auf Konfrontation setzte. In der letzten Phase schließlich verdichtete sich der gesamte Prozess und ermöglichte die Einheit der sozialen Proteste. Diese letzte Phase war von politischen Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt, die 2000 begannen, 2004 ihren Höhepunkt erreichten und danach allmählich wieder abebbten. Die zahlreichen indianischen kulturellen Bewegungen gaben diesen Protesten einen Sinn, ermöglichten die Einheit und das Hervortreten von Führungspersönlichkeiten und schließlich rückte auch die Machtfrage ins Blickfeld. Auf diesem Weg gelangte der erste indigene Präsident an die Macht. Es ist ein langwieriger Prozess, dessen letzte Phase über 20 Jahre dauerte. Seinen Ausgang erleben wir heute. Nationalismus und Antikapitalismus