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Geschlossene Wohnanlagen in Buenos Aires: eine Ethik der Abgrenzung

Zusammenfassung | Buenos Aires, wegen der Schönheit seiner Monumente und Plätze als das »Paris Lateinamerikas« bekannt, hat den Ruf eine kosmopolitische und vielseitige Stadt zu sein, in der eine selbstbewusste Mittelschicht ein reiches und intensives Kulturangebot genießt. Seit den 90er Jahren verstärkt sich jedoch ein Phänomen, das auch in anderen lateinamerikanischen Städten zu finden ist: die Expansion der von Mauern umgebenen Wohnanlagen, in die sich ein immer größerer Teil der Bevölkerung vor einer feindseligen und gefahrvollen Stadt zurückzieht. Der Beitrag untersucht diese Entwicklung aus Sicht der Maxime des griechischen Philosophen Epikur, für den Lust der Weg zum Glück war.

Geschlossene Wohnanlagen in Buenos Aires: eine Ethik der Abgrenzung

Im Folgenden untersuche ich das städtebauliche Phänomen der geschlossenen Wohnsiedlungen in der Nähe von Buenos Aires und befasse mich mit den damit einhergehenden konzeptionellen Veränderungen des Öffentlichen und Privaten. Ich werde zudem versuchen, die der Offerte solcher Gated Communities zugrundeliegende Theorie zu beschreiben und zu zeigen, wie sehr diese mit den Postulaten des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v. Chr.) übereinstimmt. Des Weiteren werde ich den Prozess der räumlichen Segregation vom Standpunkt der epikureischen Thesen über Schmerz, Glück und politisches Leben aus beleuchten. Lassen Sie die Grenzen von Buenos Aires hinter sich und folgen Sie mir auf der Suche nach diesen privaten Wohnanlagen. Das bedeutet auch, sich auf die Suche nach den wenigen noch vorhandenen Schriftrollen von Epikur zu begeben, dessen Werk weitgehend verloren gegangen ist. Doch bevor wir uns mit der Lust und der Angst in geschlossenen Wohnanlagen befassen, sehen wir uns noch einige breitere Merkmale der Stadt an, die sie beherbergt.

Das »Paris von Lateinamerika«, wie Buenos Aires auch genannt wird, macht seinem Namen alle Ehre, vereint es doch eine Vielzahl architektonischer Stilrichtungen, Monumente, Reichtümer und Landschaften, die den Stempel europäischer Vorfahren tragen. Das kulturelle Leben bietet neben einem außergewöhnlichen Theaterprogramm eine Fülle von Tangovorstellungen, internationalen Kinofestivals sowie avantgardistischen oder Undergroundexperimenten in Tanz, Design, Gastronomie und Musik. All dies hat den Ruf von Buenos Aires gefestigt, eine kultivierte und vibrierende Stadt mit einem intensiven Nachtleben zu sein.

Die Mittelschicht von Buenos Aires genießt das ständig neue kulturelle Angebot und erlebt sich als stolze Erbin der europäischen Einwanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist der Spiegel, in dem der Porteño1 sich und die Vergangenheit gerne sieht, die er als authentisch vorführen möchte. Sein Vermögen besteht aus Besitztümern, Symbolen und Reliquien, die im Gewand des Authentischen eine idealisierte Vergangenheit heraufbeschwören, mit der sich der Porteño von späteren Einwanderern distanziert und die sozialen Unterschiede übersieht.

Die »Brüder« aus anderen lateinamerikanischen Ländern sind der vorherrschenden Meinung entsprechend nicht gern gesehen. Sie sind die konfliktiven entfernten Verwandten, die in der Reina del Plata, der Königin am Rio de la Plata, als schlecht bezahlte »Schwarzarbeiter« geduldet, aber auch beschuldigt werden, für die wachsende Kriminalität und Unsicherheit verantwortlich zu sein. Die in den letzten Jahrzehnten massiv und unaufhörlich ins Land strömenden Arbeiter aus Peru, Bolivien und Paraguay empfängt der Porteño, der sich für kultivierter, europäischer und weißer hält als jeder andere Lateinamerikaner, skeptisch und mit offenem Rassismus. Auch wenn der Grundgedanke eines allen offenstehenden, fröhlichen und unbekümmerten Kulturangebots besteht, so wird die Stadt dadurch letztendlich exklusiver. Die untergeordnete Stellung der lateinamerikanischen Einwanderer wird zynisch in »Reichhaltigkeit« und »Vielfalt« verkehrt und von den Behörden gelegentlich als wesentliches Merkmal des pluralistischen Buenos Aires der Gegenwart angeführt. Exotische Gerichte aus Peru oder bolivianische Tänze werden als Teil der »multikulturellen Fiesta« der Porteños dargestellt; doch ist das Fest zu Ende, dann darf man dieselben Ausländer verdammen, und sie kehren zu ihrem ursprünglichen Status als illegale Einwanderer zurück, die Häuser besetzen und ungehobelt auf lärmenden Straßenfesten tanzen. Man darf sich in Buenos Aires für die Dauer der Fiesta »aufhalten«, aber immer hier leben darf nur, wer über die Attribute des eigentlichen Bürgers verfügt.

Mit dem touristischen und kulturellen Boom wird in Buenos Aires vorsätzlich eine Politik des Vergessens betrieben, die jene ignoriert, deren Überlebenskampf Tag für Tag vor den Augen aller zu sehen ist. Damit meine ich die Menschen auf der Straße, die Obdachlosen, die am Flussufer oder unter der Autobahnbrücke schlafen, deren Blut einen hohen Bleigehalt hat und deren Hütten ohne Strom auf tragische Weise abbrennen. Ich spreche von den Kindern aus den Elendsvierteln am Rande der Gleise, die von Zügen überfahren werden und den Obdachlosen, die nur ein paar Meter vom Obelisken und den Theatern der Avenida Corrientes entfernt ungesehen bei Morgengrauen, im Winter, auf der Straße sterben und ständig aus den reichen Vierteln vertrieben werden.

Nehmen wir ein paradigmatisches Beispiel: In den ersten vier Jahren nach der Wirtschaftskrise im Jahr 2001 stieg die Bevölkerung der Armenviertel in Buenos Aires von 110.000 auf 150.000 Personen. Im gleichen Zeitraum schuf die Stadtregierung durchschnittlich nicht mehr als 350 Wohnungen pro Jahr. In den letzten Jahren besetzte die obdachlose Bevölkerung in der Stadt halb fertige Gebäude, für Andere gebaute Wohnungen oder ungenutzte Flächen. Gemäß der Vorstellungswelt der urbanen Mittelschicht sind diese Behausungen des Volkes weniger ein physischer Raum, in dem sich täglich Leben vollzieht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Produktionsstätten der Angst. Dort wird »hergestellt«, was anderen ( den »wirklichen« Menschen?) Angst macht. Wenn die Elendsviertel als eine Brutstätte für Gewalt und Chaos gelten, überrascht es nicht, dass die Megaprojekte der geschlossenen Wohnanlagen auf das aufbauen, was als grundlegender kultureller Faktor gilt: die Abschaffung der Angst. Die zunehmende Angst entspricht nicht notwendigerweise der real erfahrenen Gewalt der Bürger, führt aber zu einem massiven Konsum von »Gegenmitteln«: immer mehr Mauern und Gitter in Wohnvierteln im Zentrum und an der Peripherie unterschiedlichster Metropolen in ganz Lateinamerika.

Auch wenn es der Mittelschicht gelingt, physische Barrieren gegen die Angst zu errichten, so können sie sie damit paradoxerweise dennoch nicht ganz auslöschen. Sie verlagert sich auf andere als gefährlich angesehene Orte: die Umgebung des Eingangs zur bewachten Wohnanlage oder die Ausfahrten der schützenden Autobahnen.

  • 1. 2. Porteño geht zurück auf puerto (Hafen) und bezeichnet die Einwohner von Buenos Aires.