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Die globale Wirtschaftskrise Auswirkungen und Folgen für Lateinamerika

Zusammenfassung | Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sind ein Lateinamerika bereits spürbar. Das BIP wird in 2009 wohl um rund 2% sinken. Die Rezession wird schwerwiegender als 1990 und 2002 sein, und sollten sich die pessimistischsten Prognosen erfüllen, dann könnte sie die schwerste der Nachkriegszeit sein. In diesem Beitrag werden zuerst die wesentlichen Auswirkungen und die Maßnahmen der Regierungen untersucht. Anschließend wird dargelegt, dass aufgrund der geschrumpften Nachfrage nach Fertigwaren aus den Industrieländern und des starken Preisverfalls der Rohstoffe die Ansteckung nicht wie in anderen Krisen über den Finanzsektor, sondern hauptsächlich über den Handel verläuft. Das hat zur Folge, dass die Möglichkeit, die Krise über ein Exportwachstum zu überwinden, sehr beschränkt ist und man daher nicht nur die Rolle des Staates,sondern auch die des Binnenmarktes als Entwicklungsmotor neu überdenken muss.

Die globale Wirtschaftskrise Auswirkungen und Folgen für Lateinamerika

Zwischen 2003 und 2007 erlebte Lateinamerika ein außerordentlich hohes Wirtschaftswachstum, das auf einer ungewöhnlichen Kombination eines weltweiten Aufschwungs der Finanzmärkte mit einer starken Expansion des internationalen Handels, äußerst vorteilhaften Preisen für Rohstoffe und den umfangreichen Geldsendungen der Arbeiter beruhte1. Dies war der deut-lichste Konjunkturanstieg der vergangenen vier Jahrzehnte, genauer seit dem letzten Aufschwung der Region Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Es war ein allgemeiner Aufschwung, von dem die mittleren und kleinen Volkswirtschaften stärker profitierten als die beiden größten (Brasilien und Mexiko). In starkem Gegensatz zu dem, was seit der Schuldenkrise (und in einigen Fällen schon früher) beobachtet werden konnte, waren die sozialen Auswirkungen zudem sehr positiv. Die Arbeitslosigkeit und die Armut sanken deutlich, die Zahl der Arbeitsplätze nahm stark zu und ihre Qualität verbesserte sich. Dazu konnte in verschiedenen Ländern die soziale Ungleich-heit verringert werden.

Die Region wurde von der ersten Phase der in den USA im August 2007 durch den Vertrauensverlust in die Subprime-Hypotheken ausgelösten internationalen Finanzkrise nicht besonders hart betroffen. Die externe Finanzierung ging zurück und wurde unregelmäßiger. Das Kreditrisiko stieg ebenfalls, wenn auch nur mäßig. Dank weltweit sinkender Zinsen fielen die durchschnittlichen Finanzierungskosten Ende 2007 auf ein ähnliches Niveau, wie vor dem August (s. Abbildung 2). Zudem verlangsamte sich das Wachstum der Geldsendungen infolge der schwierigeren Arbeitsmarktsituation für Immigranten, insbesondere in der Bauwirtschaft der USA2. Der neue Preisanstieg der Rohstoffe vermochte den Aufschwung in einigen Ländern der Region während des ersten Halbjahres 2008 vorerst noch aufrecht zu erhalten. Es war also der Trendwechsel bei diesen Preisen, der in der Jahresmitte definitiv das Ende dieser positiven Tendenz einleitete. Das Mitte September mit dem Zusammenbruch der nordamerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste weltweite Debakel verschärfte diese Situation drastisch.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der weltweiten Krise waren tief und wurden nur allmählich und mit Verzögerung bekannt (und anerkannt). Die Prognosen aller multilateralen Organisationen (Weltbank, CEPAL, Internationaler Währungsfonds und Vereinte Nationen) erwarten eine Schrumpfung des lateinamerikanischen BIP zwischen 1,9% (Cepal3) und 2,6% (die jüngsten Prognosen des IWF, 2009). Die Weltbank liegt mit einer Prognose von 2,2% dazwischen. Einige private Organisationen veröffentlichten pessimistischere Prognosen. Die Krise hat sich zudem verallgemeinert. Mit einem geschätzten Rückgang von rund 7% ist die Wirtschaft von Mexiko am stärksten betroffen, aber die meisten Volkswirtschaften der Region werden Einbrüche in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung verzeichnen.

Im Vergleich wird diese Krise schwerwiegender sein als die Krisen von 1990 und 2002, und wenn sich die schwärzesten Prognosen bewahrheiten, könnte sie schlimmer werden als die Krise der Nachkriegszeit, d.h., schlim-mer als die Krise von 1983 (als das lateinamerikanische BIP um 2,6% einbrach), wenn auch für kürzere Zeit (siehe Abbildung 1). Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass die Verluste von 2009 in 2010 nur knapp aufgeholt werden können, und dass das BIP pro Kopf erst 2010 auf die Werte von 2008 steigen wird. Das bedeutet, dass durch die Krise vier Jahre Entwicklung verloren gehen. Die Lage ist etwas besser als im »verlorenen halben Jahr-zehnt« von 1998-2003 und deutlich besser als im »verlorenen Jahrzehnt« der 80er-Jahre. Für einige Szenarien bestehen jedoch pessimistischere Prognosen4.

Die Ansteckungswege der Krise weisen einige Überraschungen und Unterschiede zur Vergangenheit auf. Entgegen einiger pessimistischer Prognosen war der Rückgang der Geldsendungen durch Immigranten im letzten Quartal 2008 und im ersten Quartal 2009 noch bescheiden (jeweils 5,2% und 6,7% in Bezug auf den Vorjahreszeitraum). Im Laufe des Jahres 2009 hat sich der Rückgang jedoch beschleunigt (um 17,8% im April und im Mai für fünf wichtige Herkunftsländer5).

Andererseits und entgegen der ersten Prognosen erwiesen sich die finanziellen Ansteckungswege der Krise als schwächer, insbesondere im Vergleich zu den zwei vorhergehenden Krisen (die Schuldenkrise der 80er Jahre und die Finanzkrise der Schwellenländern von 1997 mit ihrem Ursprung in Asien)6. Ein sehr repräsentativer Indikator ist die Ertragsrate (yield) der Staatsanleihen der wichtigsten Länder der Region. Sie kombiniert die Entwicklung der langfristigen Zinssätze in US-Dollar mit dem Risiko der lateinamerikanischen Titel. Wie in Abbildung 2 ersichtlich ist, begann diese Rate Mitte 2008 gleich wie die meisten Zinssätze anzusteigen und eskalierte mit dem weltweiten finanziellen Kollaps im September 2008. Gegen Ende Oktober erreichte sie ihren höchsten Jahreswert und fiel seither beträchtlich. Insbesondere im zweiten Quartal dieses Jahres breitete sich dieser Prozess weltweit aus und wurde »Green Shots« genannt. Anfang Juli 2009 lag der Wert mit etwas mehr als 8% nur ein wenig mehr als ein Prozentpunkt (d.h. etwas mehr als 100 Basispunkte) höher als in den Jahren des Aufschwungs, jedoch bedeutend unterhalb der Zinssätze, die Mitte 1998 und Mitte 2003 während den Finanzkrisen der Schwellenländer vorherrschten (zwischen 12% und 17% mit einigen punktuellen Spitzenwerten).Die Verfügbarkeit von externer Finanzierung sank seit dem Einbruch der Tendenz steigender Rohstoffpreise Mitte 2008 ebenfalls drastisch. Ab September war überhaupt keine externe Finanzierung verfügbar, was sich jedoch seit Anfang 2009 wieder besserte7. Während der kritischen Monate des finanziellen Kollapses kam es auf dem Markt für Derivate zu hohen Verlusten, insbesondere in Brasilien und Mexiko. Dadurch gerieten die internationalen Reserven unter Druck. Im globalen Kontext verringerten sich jedoch die Reserven in den ersten fünf Monaten der Krise nur in geringem Maß (von US$ 435.000 Millionen im September 2008 für die sieben größten Volkswirtschaften der Region auf einen Tiefststand von US$ 411.000 im Februar 2009). Seither haben sie sich wieder erholt8. Der Rückgang der Reserven war in einigen Ländern viel ausgeprägter, insbesondere in Ecuador, Venezuela, Mexiko und Peru. Andererseits und im klaren Gegensatz zu den früheren Krisen (einschließlich der mexikanischen Krise von 1994-1995) kam es bisher noch in keinem Land der Region zu einem Kollaps des Finanzsystems. Schließlich hielten sich auch die Börsen, obwohl sie ab Mitte 2008 abstürzten, auf einem höheren Niveau als in anderen Regionen der Welt und profitierten vom weltweiten Börsenaufschwung im zweiten Quartal 2009.

  • 1. S. dazu Interamerikanische Entwicklungsbank (bid): All That Glitters May Not Be Gold: Assessing Latin America´s Recent Macroeconomic Performance, Washington, dc, April 2008; Alejandro Izquierdo, Randall Romero und Ernesto Talvi: «Booms and Busts in Latin America: The Role of External Factors», Working Paper Nr. 631, bid, Washington, dc, Februar 2008; und J.A. Ocampo: «La macroeconomía de la bonanza económica latinoamericana» in Revista de la cepal Nr. 93, 12.2007.
  • 2. S. zum Beispiel die Analyse der Determinanten der Geldsendungen nach Mexiko in J.P. Morgan: «Determinants of Mexico´s Remittances from the us» in Global Data Watch, 17.10.2008.
  • 3. cepal: Estudio económico de América Latina y el Caribe, 2008-2009, uno, Santiago, Juli 2009.
  • 4. S. z.B. das Szenario »L« des idb: Policy Trade-offs for Unprecedented Times: Confronting the Global Crisis in Latin America and the Caribbean, A. Izquierdo und E. Talvi (coords.), Washington, dc, März 2009.
  • 5. Kolumbien, El Salvador, Guatemala, Honduras und Mexiko.
  • 6. S. dazu cepal: «Capital Flows to Latin America: Recent Developments», Niederlassung Washington, 17.6.2009; Alejandro Jara, Ramón Moreno und Camilo E. Tovar: «The Global Crisis and Latin America: Financial Impact and Policy Response» in bis Quarterly Review, 6.2009; und J.A. Ocampo: «Latin America and the Global Financial Crisis» im Cambridge Journal of Economics, Nr. 33, 6.2009.
  • 7. cepal: «Capital Flows to Latin America: Recent Developments», a.a.O.
  • 8. In einigen Ländern verringerten sich die Reserven nur minimal (insbesondere in Kolumbien) und in einigen fielen sie auch noch nach dem Februar weiter.