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Besonders argentinisch. Verschiedene Literaturen und zwei Jahrhunderte

Zusammenfassung | Wie die anderer lateinamerikanischer Länder, so ging auch die argentinische Literatur aus einem Akt der Kritik hervor. Vor etwa einhundert Jahren stellte man Texte aus unterschiedlichen Zeiten und Umständen zusammen und vertraute ihnen – in erster Linie über die Schulen – die Bewahrung der nationalen Identität an. Der Kanon dieser Gründungsschriften verhielt sich aber zur Wirklichkeit nicht so friedlich, wie der nationalistische Wille es wollte, der sich seinerseits auf der Unterschlagung eines großen Teils der Konjunktur gründete. Der daraus resultierende zwanghafte Charakter ist zusammen mit anderen Elementen, wie z. B. einer gewundenen und distanzierten Beziehung zum Publikum, die Ursache dafür, dass die argentinische Literatur des 20. Jahrhunderts bisweilen wie eine extravagante, artifizielle und isolierte Textsammlung wirkt.

Besonders argentinisch. Verschiedene Literaturen und zwei Jahrhunderte

Die argentinische Vorstellungswelt schwankt zwischen wohlverdienter Wiederauferstehung und endgültiger Katastrophe. Komischerweise finden wir Argentinier überzeugende Gründe, um gleichzeitig beide Szenarien zu rechtfertigen. Die argentinische Literatur ist ein vielstimmiger Diskurs, der sich in diesem Raum einen Weg bahnt und bald der einen, bald der anderen dieser Phantasien folgt. Der Beweis, dass Kunst sich fortentwickelt und Literatur sich im Laufe der Zeit selbst vollendet, ist niemals leicht zu führen. Unsere Literatur ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme (auch wenn sie, wie zu erwarten, aus meiner Sicht zweifellos außergewöhnlich ist). Die folgenden Argumente führe ich zur Verdeutlichung an. Ich werde weder Namen, Titel, Themen, noch statistische Details aufzählen, sondern mich darauf be schrän- ken, die Tendenz dieses eigentümlichen Diskurses zu beschreiben, den wir argentinische Literatur nennen.

Dimension

Eine der ersten Anekdoten, die sich um die Problematik der argentinischen Literatur rankt, liegt weniger als 100 Jahre zurück. Als Ricardo Rojas zwischen 1917 und 1921 seine Historia de la literatura argentina veröffentlichte, lautete einer der ersten Kommentare, dass seine mehrbändige Ausgabe umfangreicher sei als die literarischen Werke, mit denen es sich befasst. Der Autor dieser sarkastischen Äußerung war Paul Groussac, ein argentinischer Schriftsteller französischer Abstammung und erster Direktor der Nationalbibliothek. Groussacs Unmut war allseits bekannt und kam deutlich in seinen Büchern zum Ausdruck. Des Spanischen mächtig und in den argentinischen Pantheon aufgestiegen zu sein, war für ihn kein Ausgleich dafür, dass er in Frankreich nahezu unbekannt blieb. Heimlich, wie es der Psychologie des Scheiterns entspricht, thematisierte er dies als einer der Ersten1. Rojas, Lugones und einige andere wollten jeder auf seine Weise die bis zu diesem Zeitpunkt eher unstete und wenig gefestigte argentinische Literatur nationalisieren (d.h. ihr den Stempel der Argentinität aufdrücken). Rojas gab den Anstoss für das Studienfach »Argentinische Literatur«, richtete an der Universität einen gleichnamigen Lehrstuhl ein und legte eine Reihe von Themen und Lehrplänen fest. Lugones Ziel war es, die wesentlichen Texte der argentinischen Literaturtradition zu bestimmen; Groussac hatte in seinen Essays und Erinnerungen über die Bildung einer kulturellen Elite und eines literarischen Systems nachgedacht. Die Initiativen von Rojas und Lugones waren explizit ideologisch und kulturell motiviert und sollten fast unmittelbar darauf politisch wirksam werden.

Lugones erhebt nicht nur Martín Fierro von José Hernández zum Nationalepos und den Gaucho zum Archetypus des Helden, er verherrlicht auch den Unabhängigkeitskrieg, idealisiert die Evangelisierung der Guarani durch die Jesuiten und lässt keinen Zweifel daran, dass diese literarischen Monumente Wegweiser in die großartige Zukunft sein würden, die Argentinien erwartetete2. Rojas tendiert dazu, literarische Phänomene aus der Zeit vor der Conquista wiederzubeleben, indem er auf mündlich überlieferte Traditionen der indigenen Bevölkerung zurückgreift. In dieser strategischen Gegensätzlichkeit zwischen Lugones und Rojas zeichnen sich bereits zwei kulturpolitische Optionen und literarische Ideale ab, die sich in der argentinischen Weltanschauung fortsetzen sollten: Eine Richtung, die das Unterschiedliche integriert und eine andere, die sich auf den Katholizismus und Nationalismus beruft3. Aber auch an Groussac ist interessant, dass er trotz seines unbestrittenen Prestiges in Argentinien noch im Alter verzweifelt wissen wollte, wie sich beispielsweise Romain Rolland gegenüber einem zufälligen Besucher aus dem Süden über ihn geäußert hatte. Groussac gelang es sehr früh, sensible Bereiche der argentinischen Literatur aufzuzeigen: Die unerklärliche Faszination des von einem »Ausländer« Geschriebenen und die immer gegenwärtige Unerreichbarkeit von Erfolg oder literarischer Anerkennung. Ich möchte nicht sagen, dass diese Züge unserer Literatur sie mangelhaft machen oder abwerten. Es handelt sich eher um konstitutive Züge, die die Art zu schreiben und zu lesen charakterisieren, sowie das Bild vom Schriftsteller und die Rolle, die Autoren, Kritiker und Leser der Literatur unseres Landes zuweisen. Rojas und Lugones verbindet mit vielen ihrer Zeitgenossen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, dass sie Literatur als einen Diskurs sehen, der unmittelbar mit der Politik, im Sinne von Regierung, und mit der Mentalität der Menschen, im Sinne von Kultur, verbunden ist. Sie wurde zum organischen Diskurs, über den selbst die liberalsten und fortschrittlichsten Sektoren der Elite die Grenzen der öffentlichen Vorstellungswelt zog, sowohl die der Führungsschichten als auch die des Volkes.

Der ästhetischen Avantgarde der 20er Jahre gelang es, mit dieser scheinbar naturgegebenen Verbindung zwischen dem Diskurs von Machthabern, Staat und Literatur zu brechen, für den Politiker und Schriftsteller ein und dasselbe waren. Vor der Avantgarde sprach aus den Texten die Notwendigkeit, eine heterogene und aufgewühlte Gesellschaft zu organisieren und zu ordnen, sowie ein profaner Optimismus, der aus einem bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Wirtschaftsmodell resultierte und der über die Erziehung die Vielzahl von Immigranten schrittweise integrieren wollte.

Das war Sinn und Zweck der Literatur; sie sollte Identität mit Sprache verbinden und dem Land so zu einer symbolischen Einheit verhelfen. Es wurden fast alle bedeutenden Texte nur dann in den Schulkanon des 20. Jahrhunderts aufgenommen, wenn sie der programmatischen Vorgabe entsprachen, die darin bestand, dem argentinischen Staat als spezifische und nützliche Vorstellungswelt zu dienen.

Sprachen

Währenddessen existierte selbstverständlich eine Literatur und vor allem eine intensive kulturelle Produktion des Volkes, sowohl der Criollos als auch der Immigranten, mit eigener bisweilen massiver Verbreitung, die – auch darin ist Argentinien keine Ausnahme – einerseits vielfach ein Reservoir für Themen und Inhalte der gebildeten Kultur war und andererseits Misstrauen beim Staatsapparat hervorrief. Ein entscheidendes Thema war in diesen Jahren die Sprache, vor allem wegen des großen Anteils an Einwanderern.

Es waren Zeiten regelrechter Dämonisierung der Fremdsprache (vor allem Italienisch und Jiddisch), da sie für die Regierungen anarchistischen und kommunistischen Aktivismus symbolisierten; selbst Sozialisten konnten dem nicht entgehen, gleich welche Sprache sie sprachen. Auch wenn man im 19. und 20. Jahrhundert in Argentinien immer auch nicht Spanisch geschrieben hat, gibt es kaum Untersuchungen über die Rolle der widersprüchlichen »ausländischen« Literatur in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts.

Zwei kurz umrissene Beispiele machen deutlich, dass das, was die offizielle Kultur und der Staat als die blühende Ära einer reichen und konfliktfreien Nation erscheinen lassen wollten, ganz unterschiedliche Interpretationen zuließ; aber auch, dass es zahlreiche Beispiele weitab von jeglicher Uniformierung gab, und dass all dies ein wesentlich weniger voraussehbares Geflecht ergab, als man glauben machen wollte.

Ein Beispiel ist die erste argentinische in Jiddisch erschienene Erzählung »Pesadilla« [Albtraum] von Pinie Wald, die 1929 in der jüdischen Presse erschien. Es ist ein Zeugnis der »Tragischen Woche« von 1919, in deren Verlauf Demonstrationen und Arbeiterstreiks unterdrückt, Aktivisten verhaftet und die Lokale linker Parteien durchsucht wurden, und in der katholische Gruppen jüdische Kulturzentren und Bürger angriffen.

Die Erzählung von Wald skizziert im Wesentlichen den sozialen Konflikt und den Rassenhass der konservativen Eliten und beschreibt Buenos Aires als eine bis ins Mark erschütterte Stadt. Bezeichnenderweise klagt »Pesadilla« nicht so sehr das System an, sondern würdigt die politischen Figuren sozialistischer Gesinnung, die sich wie Wald für die Verhafteten und Gefolterten einsetzten.

Ein weiteres Beispiel ist eher ungewöhnlich und nahezu unbekannt; aber wir sprechen ja über eine Literatur, die sich auf die Idee des Verborgenen, der Exzentrik gründete, worauf ich später näher eingehen werde. Es handelt sich um eine kurze Erzählung des Italieners Carlo Emilio Gadda, die sehr fragmentarisch seine Erfahrungen von 1923 bis 1924 beschreibt4, als er nach Argentinien kam und von einem Unternehmen im Chaco angestellt wurde. Vielleicht ist »Erzählung« etwas zu viel gesagt; es handelt sich eher um eine Sammlung miteinander verwobener Erinnerungen, Einzelszenen und Schilderungen der Natur und des täglichen Lebens. Eine Art Tagebuch, in dem sich verschiedene Darstellungsformen und Szenarien vermischen.

Das Bemerkenswerteste an diesem Text ist jedoch das, was er verschweigt. Im Rahmen seiner Argentinienreise erstellte Gadda eine kurze und ungeordnete Textsammlung aus privaten Briefen, verschlüsselten Orts- und Personennamen sowie kurzen Eindrücken, die er für spätere Werke nutzte, vor allem für Die Erkenntnis des Schmerzes (La cognizione del dolore). Er spricht darin an manchen Stellen sehr vage über Argentinien und an anderen sehr unmissverständlich, immer bringt er jedoch deutlich seine negative Sicht zum Ausdruck. Das ganze Land empfindet er als banal, selbstgefällig, zum Scheitern verurteilt, angefangen bei den Intellektuellen, über die Öffentlichkeit bis hin zur besseren Gesellschaft. Als einziger Trost könnte dem argentinischen Leser bleiben, Teil der Landschaft oder Bühne gewesen zu sein, die Gadda für geeignet hielt, sie bruchstückhaft und experimentell zu beschreiben.

Ich nehme diese beiden nebensächlichen, fast schon verborgenen Erzählungen zusammen mit den Projekten von Rojas und Lugones, die das andere Extrem bilden, fast offizielle Texte, um aufzuzeigen, dass die so genannte argentinische Literatur der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts viel komplexer und vielfältiger war als es in einer klassifizierenden Literaturgeschichte darstellbar wäre.

Auf der einen Seite standen die auf Uniformität gerichteten Tendenzen des Staates und das eigentliche literarische System, dessen Institutionen üblicherweise Schriftsteller und Textproduktionen aufnahmen, die dem staatlichen Konzept entsprachen; und auf der anderen eine große Vielfalt von Diskursen im Hinblick auf Genres, Verbreitungswege und Sprachen. Ich glaube, dass Wald und Gadda ein Beispiel für dieses andere Paradigma sind, denn ihre Texte hatten damals keinen literarischen Status, erst aus heutiger Sicht werden sie als Literatur wahrgenommen. Damit möchte ich sagen, dass die argentinische Literatur der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auch eine Konstruktion der Gegenwart und der heutigen Sichtweise ist.

Trotz wiederholter Versuche, die literarische Tradition zu normieren, wie in den paradigmatischen und zentralen Fällen Rojas und Lugones, bildet sich die argentinische Literatur immer wieder neu und findet ihren größten Reichtum in den Randgebieten literarischen Schaffens wieder, in ungewissen Gattungen und Konzepten; im Widerspruch, in der Instabilität, im Versteckten und im Konflikt. Es handelt sich um eine für den Leser unbequeme Literatur5.

Publikum

Wie üblich spielen die so genannte Kulturindustrie und die Verlage eine entscheidende Rolle in der Verbreitung der Literatur, sowohl im Land selber als auch im Ausland. Argentinien hat in dieser Hinsicht gute und schlechte Zeiten erlebt. Ein limitierter Kulturapparat führt unter anderem dazu, dass Schriftsteller glauben, sie hätten kein Publikum, unabhängig davon, ob das tatsächlich so ist oder nicht. Meiner Einschätzung nach hat das Auf und Ab der argentinischen Kulturindustrie zusammen mit der politischen Instabilität, der schlechten wirtschaftlichen Lage, der ambivalenten sozialen Mobilität, der Repression und der Krisen im Erziehungswesen usw., d. h. mit all dem, was unvereinbar ist mit der Vorstellung vom kollektiven Glück oder von naturgegebenen, Tugenden, dazu geführt, dass argentinische Schriftsteller in einem Übermaß zeitgenössisch wurden. Denn es erschienen ihnen genau die Elemente als strukturell bedeutsam, die die literarische Sensibilität der letzten Jahrzehnte herausgefordert hatten.

Ich beziehe mich damit auf das Konzept von Literatur als wechselhaften Diskurs, der mal von einer historischen, politischen, subjektiven oder sozialen Perspektive her argumentiert, mal gar keinen Standpunkt bezieht und dann wieder mehrere gleichzeitig. Die argentinische Literatur entschied sich im Laufe des Jahrhunderts für das Unbequeme; oft wurde es ihr aber auch zugewiesen und es blieb ihr nichts anderes übrig als damit zurecht zu kommen.

Ich glaube ein interessanter Ansatzpunkt, um einen Großteil der Prämissen der argentinischen Literatur und ihres eigentümlichen Vorgehens (d. h. einer weitgehend verborgenen, isolierten und einigermaßen autonomen, ästhetisch sehr anspruchsvollen, aber vollkommen von externen Reproduktions- und Verbreitungskanälen abhängigen Literatur) zu beschreiben, ist die Frage nach dem Publikum. Es erscheint mir angemessener von Publikum zu sprechen als von Markt, denn Ersteres erinnert mehr an eine bestimmte soziale Lesergruppe, der Markt dagegen an passive Konsumenten.

Ich unterstelle sogar, dass die argentinische Literatur es immer vorgezogen hat, sich kritischer mit dem Publikum auseinanderzusetzen als mit dem Markt (der über die Jahre ziemlich instabil war). Das soll nicht heißen, dass die Auseinandersetzung mit dem Markt weniger schwierig gewesen wäre, sondern dass viele argentinische Schriftsteller sich rühmen können, ein Publikum, aber keinen Markt zu haben; wohingegen andere einen Markt haben, aber kein Publikum.

Von Zeit zu Zeit kommt es zu Aufrufen, die argentinische Literatur möge erneut in Kontakt mit dem Publikum treten, dem sie angeblich den Rücken zukehrt. Das sind willkommene Vorschläge von jenen, die glauben, Romane sollten den Menschen und seine alltäglichen, elementaren und dringendsten Probleme hinterfragen, welche auch immer das sind; oder sie sollten die Imagination und die Fantasien des kollektiven Denkens anregen, wie z. B. historische Romane es tun. Jene, die so denken, geben selten zu, dass die Erzählmittel zur Erreichung literarischer Natürlichkeit ähnlich komplex sind, wie jene, die das Gegenteil erzeugen, nur dass es sich dann um billige Mittel handelt. Wie die Begriffe »Heimat« oder »Sprache«, so erscheint in der Literatur die Vorstellung von einem »Publikum« diffus und schwammig.

In gewisser Weise ist die Vorstellung vom Publikum Teil des Imaginären; der Ort neben dem, an dem sich der Künstler befindet oder zu befinden glaubt. Das »Publikum« ermöglicht dem Schriftsteller seine persönlichen Avatare, also das Schreiben. Die Frage nach dem Publikum geht einher mit der Frage nach dem Sinn der eigenen Stimme, selbst dann, wenn man zu keinem entscheidenden Schluss kommt. In der Idee der Versöhnung von Schriftsteller und Publikum treffen einige der besonderen Merkmale der argentinischen Literatur mit der Kultur der Gegenwart zusammen, die dem Literarischen zunehmend weniger symbolische und materielle Bedeutung beimisst.

Seit einigen Jahren befasst sich ein Großteil der argentinischen Literatur mit besonderen Formen der Lesbarkeit. Dies geschah nicht unvermittelt, denn seit der Entstehung Argentiniens hatten die bedeutendsten Werke den Charakter von Argumenten – manchmal ästhetische, manchmal ideologische oder politische oder alles auf einmal – die sich mit den herrschenden Leseerwartungen auseinandersetzen mussten. Die Werke mussten förmlich »leseresistent« sein, was ein paradoxes Hilfsmittel war, um den nonkonformen Charakter der Literatur zu bewahren. Diese Haltung findet sich bei Sarmiento und anderen Romantikern sowie in einigen Werken der Gaucho-Literatur und lässt sich auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei einer Vielzahl von Schriftstellern feststellen, unter anderen bei Roberto Arlt, Jorge Luis Borges, Leopoldo Marechal und Ezequiel Martínez Estrada.

Es gibt offenkundige Fälle, in denen der Widerstand gegen Lesbarkeit oder die absolute Unlesbarkeit eine Strategie zur Verarbeitung des Scheiterns sind. Und es gibt extreme Fälle, die mit den Jahren zu Symbolen der argentinischen Literaturtradition wurden. Zum Beispiel die kritische Nationalisierung von Texten, die nicht in spanischer Sprache geschrieben wurden: die englischen der Chronisten des 19. Jahrhunderts, die polnischen von Witold Gombrowicz, die französischen von Copi, etc. In diesen Fällen sollte die »fremde« Sprache das offenlegen, was das Spanische nicht sehen und benennen konnte und sie sollte das Schreiben »lehren«, indem sie Realitäten und Darstellungsformen aufdeckt, die der lokalen Sprache verborgen waren.

Es entstanden auch wunderbar hybride Texte; in Spanisch verfasste Romane, die Elemente der Einwanderersprachen Portugiesisch oder archaisches Spanisch integrierten. Es muss in jedem Einzelfall über die Wirkung dieses Mittels der Sprachwahl entschieden werden. Als Phänomen geben sie Hinweise auf eine Literatur, deren Verlauf, Prämissen und elementare Werkzeuge so wie die Sprache selber auf Unbeständigkeit aufgebaut ist.

Modus

Für die literarische Sinnverwandlung ist die Arbeit mit der Sprache das unmittelbarste, wenn auch wegen ihres Hanges zum Naturalismus begrenzteste Mittel; im Allgemeinen ist es mühevoller aber dauerhafter mit Gattungen zu arbeiten. Darum geht es aber – um die Produktion von Bedeutungen, die das Bestehende verrücken und neu formen. Sei es über Sprache, Dialekte, Gattungen oder ein anderes Vorgehen, das Gebot der Lesbarkeit erzeugt in der argentinischen Literaturtradition immer eine schwierige Spannung, niemals stellt sie sich automatisch oder konfliktfrei ein.

Dazu gehört auch die merkwürdige Beziehung zwischen Schriftstellern und »Publikum«, die immer mit Entfremdung, Verzögerung und Misstrauen einhergeht. Die Ausnahme ist Julio Cortázar mit seinem Roman Rayuela. Keinem anderen bedeutenden Autor gelang eine Übereinstimmung mit seiner Epoche (selbst Jorge Luis Borges schaffte das nicht). Doch die problematische Beziehung zum Publikum gibt unserer Literatur noch etwas anderes: den ungezwungenen Umgang mit vorgegebenen Modellen und Erzählformen.

Diesen fast strukturellen Daten der argentinischen Literatur wäre ein weiteres Phänomen der letzten Jahre hinzuzufügen: die Entwicklung des intellektuellen Lebens, die die ästhetische Überlegenheit auflöst, der die Literatur noch bis vor Kurzem gerecht werden musste. In anderen Worten, Kunst ist heute weniger wichtig. Man könnte meinen, sie sei wegen ihrer komplexeren Formen, Mittel, Kanäle und Nachrichten bedeutender geworden; es wird ihr jedoch insofern ein geringeres, sporadischeres und begrenzteres Interesse entgegengebracht, als vor allem die Medien und die Institutionen mehr Deutlichkeit von ihr fordern.

Die seit den 80er Jahren eingetretene Zersplitterung des Wissens, der Diskurse, der Empfindlichkeiten ließ Literatur zu einer nahezu privaten Aktivität werden, in vielen Fällen zu einer extrem spezialisierten. Nur ein Format mehr, in dem Versionen oder Fabeln über die Geschichte oder das gesellschaftliche Leben Gestalt annehmen können. Politik und Geschichte sind demnach in der argentinischen Erzählliteratur immer präsent, aber eben unterschiedlich organisiert und meist in sehr komplexer und nicht sehr bejahender Weise.

Argentinische Gegenwartsautoren durchlaufen einen doppelten Prozess. Auf der einen Seite sind sie Teil einer komplexen Tradition, die mit sich selbst spricht und sich bewusst wahrnimmt, vielleicht wie keine andere im spanischsprachigen Raum. Das ist wie eine sich selbst am Leben erhaltende Bibliothek, in der Literatur produziert wird, um von Schriftstellern gelesen zu werden, die als Antwort darauf neue Bücher schreiben.

Da es andererseits aber keine kollektiven Ideale mehr für das literarische Schaffen gibt noch soziale Identitäten oder allgemein vorherrschende Erwartungen, die sich in der Fiktion wiederfinden müssten, wird Literatur erneut zu einer gemurmelten Kunst, um deren Feuer sich nur noch wenige sammeln. Ich sage nicht, dass sie nichts Großes bereithielte; ich sage nur, dass sie gegenwärtig und für eine unbestimmte Zeit ihre frühere Bedeutung verloren hat.

Wenn sich daraus eine Lehre ziehen lässt, dann die, dass es immer sinnvoll ist, dem Publikum zu misstrauen. Argentinische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts haben sich an ein solches Misstrauen gewöhnt, sie haben es akzeptiert und übernommen und sind, zumindest vom ästhetischen Standpunkt aus, nicht so schlecht damit gefahren. Seit der Entstehung der argentinischen Literatur sind bald 100 Jahre vergangen (obwohl sie schon vor den Institutionen existierte); ihr Korpus ist vielfältig und widersprüchlich und befindet sich in ständiger Diskussion.

  • 1. Das Scheitern – el fracaso – ist für argentinische Schriftsteller seit jeher eines der beliebtesten Themen, nicht nur als Motiv für Erzählungen, sondern als entscheidend für die persönliche Mythenbildung des Schriftstellers.
  • 2. Spricht man in Argentinien von dem zweiten Jahrhundert, liegt der Vergleich mit dem ersten nahe, da beide zunächst gegensätzlich erscheinen. Jedoch nur auf den ersten Blick. Ich wurde Mitte der 50er Jahre geboren; seit ich denken kann, bietet sich die Sehnsucht nach den frühen ruhmreichen Zeiten Argentiniens als Übung in kollektiver Frustration an. In regelmäßigen Ab- ständen bemühen sich Essays, die Gründe des historischen Scheiterns aufzudecken und sehen die Ursache in der Persönlichkeit des durchschnittlichen Argentiniers. Es handelt sich um Texte aus metaphysischer, historischer, soziologischer oder anderer Perspektive. Dabei ist nachzuvollziehen, dass es bequem ist, mit Verallgemeinerungen zu argumentieren, aber die Debatte der historischen Dekadenz übertreibt dies auf politisch höchst zweifelhafte Weise. Die Daten des argentinischen Niedergangs und relativen Rückschritts sind hinlänglich bekannt und offen zugänglich (und finden sich in zahlreichen internationalen Publikationen wieder), weshalb ich sie hier nicht wiederholen werde. Sie sind außerdem so offensichtlich, dass sie meistens keines weiteren Beweises bedürfen. Doch die Debatte über den argentinischen Rückschritt stammt üblicherweise aus den Reihen der Konservativen und Privilegierten, die den Eindruck erwecken, sie wollten der Allgemeinheit die Verantwortung für einen Verfall anlasten, für den sie in erster Linie selbst verantwortlich sind, so als ginge es darum, Verluste zu sozialisieren – in diesem Fall symbolische.
  • 3. Die Bemühungen um eine Literatur, die die Vorstellung dessen auf einen Nenner bringen sollte, was das Argentinische ist, führten paradoxerweise dazu, dass sich in ihr die Illusion festsetzte, sie selber sei die Zettelmaschine der Nationalität; fast so als sei Argentinien (und für viele ist dies immer noch so) ein geschriebenes Land.
  • 4. »De Buenos Aires a Resistencia« in Eco, Bogotá, 1.1966.
  • 5. Die berühmte Aussage von Borges, es sei ein Verhängnis, Argentinier zu sein und alles, was hierzulande verfasst wird, gehöre der argentinischen Literatur an (aus »Der argentinische Schriftsteller und die Tradition«), ist eine Reaktion auf kritische Operationen des Nationalismus, der je nach Haltung, Genre oder Thema die einen Werke auf Kosten von anderen als argentinisch gelten lassen wollte. Diese Diskussion macht deutlich, dass selbst zur Mitte des Jahrhunderts der literarische Kanon Argentiniens des 20. Jahrhunderts noch nicht definiert war, ganz im Gegensatz zu heute, wo weitgehend Einigung herrscht.