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Besonders argentinisch. Verschiedene Literaturen und zwei Jahrhunderte

Zusammenfassung | Wie die anderer lateinamerikanischer Länder, so ging auch die argentinische Literatur aus einem Akt der Kritik hervor. Vor etwa einhundert Jahren stellte man Texte aus unterschiedlichen Zeiten und Umständen zusammen und vertraute ihnen – in erster Linie über die Schulen – die Bewahrung der nationalen Identität an. Der Kanon dieser Gründungsschriften verhielt sich aber zur Wirklichkeit nicht so friedlich, wie der nationalistische Wille es wollte, der sich seinerseits auf der Unterschlagung eines großen Teils der Konjunktur gründete. Der daraus resultierende zwanghafte Charakter ist zusammen mit anderen Elementen, wie z. B. einer gewundenen und distanzierten Beziehung zum Publikum, die Ursache dafür, dass die argentinische Literatur des 20. Jahrhunderts bisweilen wie eine extravagante, artifizielle und isolierte Textsammlung wirkt.

Besonders argentinisch. Verschiedene Literaturen und zwei Jahrhunderte

Die argentinische Vorstellungswelt schwankt zwischen wohlverdienter Wiederauferstehung und endgültiger Katastrophe. Komischerweise finden wir Argentinier überzeugende Gründe, um gleichzeitig beide Szenarien zu rechtfertigen. Die argentinische Literatur ist ein vielstimmiger Diskurs, der sich in diesem Raum einen Weg bahnt und bald der einen, bald der anderen dieser Phantasien folgt. Der Beweis, dass Kunst sich fortentwickelt und Literatur sich im Laufe der Zeit selbst vollendet, ist niemals leicht zu führen. Unsere Literatur ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme (auch wenn sie, wie zu erwarten, aus meiner Sicht zweifellos außergewöhnlich ist). Die folgenden Argumente führe ich zur Verdeutlichung an. Ich werde weder Namen, Titel, Themen, noch statistische Details aufzählen, sondern mich darauf be schrän- ken, die Tendenz dieses eigentümlichen Diskurses zu beschreiben, den wir argentinische Literatur nennen.

Dimension

Eine der ersten Anekdoten, die sich um die Problematik der argentinischen Literatur rankt, liegt weniger als 100 Jahre zurück. Als Ricardo Rojas zwischen 1917 und 1921 seine Historia de la literatura argentina veröffentlichte, lautete einer der ersten Kommentare, dass seine mehrbändige Ausgabe umfangreicher sei als die literarischen Werke, mit denen es sich befasst. Der Autor dieser sarkastischen Äußerung war Paul Groussac, ein argentinischer Schriftsteller französischer Abstammung und erster Direktor der Nationalbibliothek. Groussacs Unmut war allseits bekannt und kam deutlich in seinen Büchern zum Ausdruck. Des Spanischen mächtig und in den argentinischen Pantheon aufgestiegen zu sein, war für ihn kein Ausgleich dafür, dass er in Frankreich nahezu unbekannt blieb. Heimlich, wie es der Psychologie des Scheiterns entspricht, thematisierte er dies als einer der Ersten1. Rojas, Lugones und einige andere wollten jeder auf seine Weise die bis zu diesem Zeitpunkt eher unstete und wenig gefestigte argentinische Literatur nationalisieren (d.h. ihr den Stempel der Argentinität aufdrücken). Rojas gab den Anstoss für das Studienfach »Argentinische Literatur«, richtete an der Universität einen gleichnamigen Lehrstuhl ein und legte eine Reihe von Themen und Lehrplänen fest. Lugones Ziel war es, die wesentlichen Texte der argentinischen Literaturtradition zu bestimmen; Groussac hatte in seinen Essays und Erinnerungen über die Bildung einer kulturellen Elite und eines literarischen Systems nachgedacht. Die Initiativen von Rojas und Lugones waren explizit ideologisch und kulturell motiviert und sollten fast unmittelbar darauf politisch wirksam werden.

Lugones erhebt nicht nur Martín Fierro von José Hernández zum Nationalepos und den Gaucho zum Archetypus des Helden, er verherrlicht auch den Unabhängigkeitskrieg, idealisiert die Evangelisierung der Guarani durch die Jesuiten und lässt keinen Zweifel daran, dass diese literarischen Monumente Wegweiser in die großartige Zukunft sein würden, die Argentinien erwartetete2. Rojas tendiert dazu, literarische Phänomene aus der Zeit vor der Conquista wiederzubeleben, indem er auf mündlich überlieferte Traditionen der indigenen Bevölkerung zurückgreift. In dieser strategischen Gegensätzlichkeit zwischen Lugones und Rojas zeichnen sich bereits zwei kulturpolitische Optionen und literarische Ideale ab, die sich in der argentinischen Weltanschauung fortsetzen sollten: Eine Richtung, die das Unterschiedliche integriert und eine andere, die sich auf den Katholizismus und Nationalismus beruft3. Aber auch an Groussac ist interessant, dass er trotz seines unbestrittenen Prestiges in Argentinien noch im Alter verzweifelt wissen wollte, wie sich beispielsweise Romain Rolland gegenüber einem zufälligen Besucher aus dem Süden über ihn geäußert hatte. Groussac gelang es sehr früh, sensible Bereiche der argentinischen Literatur aufzuzeigen: Die unerklärliche Faszination des von einem »Ausländer« Geschriebenen und die immer gegenwärtige Unerreichbarkeit von Erfolg oder literarischer Anerkennung. Ich möchte nicht sagen, dass diese Züge unserer Literatur sie mangelhaft machen oder abwerten. Es handelt sich eher um konstitutive Züge, die die Art zu schreiben und zu lesen charakterisieren, sowie das Bild vom Schriftsteller und die Rolle, die Autoren, Kritiker und Leser der Literatur unseres Landes zuweisen. Rojas und Lugones verbindet mit vielen ihrer Zeitgenossen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, dass sie Literatur als einen Diskurs sehen, der unmittelbar mit der Politik, im Sinne von Regierung, und mit der Mentalität der Menschen, im Sinne von Kultur, verbunden ist. Sie wurde zum organischen Diskurs, über den selbst die liberalsten und fortschrittlichsten Sektoren der Elite die Grenzen der öffentlichen Vorstellungswelt zog, sowohl die der Führungsschichten als auch die des Volkes.

Der ästhetischen Avantgarde der 20er Jahre gelang es, mit dieser scheinbar naturgegebenen Verbindung zwischen dem Diskurs von Machthabern, Staat und Literatur zu brechen, für den Politiker und Schriftsteller ein und dasselbe waren. Vor der Avantgarde sprach aus den Texten die Notwendigkeit, eine heterogene und aufgewühlte Gesellschaft zu organisieren und zu ordnen, sowie ein profaner Optimismus, der aus einem bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Wirtschaftsmodell resultierte und der über die Erziehung die Vielzahl von Immigranten schrittweise integrieren wollte.

Das war Sinn und Zweck der Literatur; sie sollte Identität mit Sprache verbinden und dem Land so zu einer symbolischen Einheit verhelfen. Es wurden fast alle bedeutenden Texte nur dann in den Schulkanon des 20. Jahrhunderts aufgenommen, wenn sie der programmatischen Vorgabe entsprachen, die darin bestand, dem argentinischen Staat als spezifische und nützliche Vorstellungswelt zu dienen.

Sprachen

Währenddessen existierte selbstverständlich eine Literatur und vor allem eine intensive kulturelle Produktion des Volkes, sowohl der Criollos als auch der Immigranten, mit eigener bisweilen massiver Verbreitung, die – auch darin ist Argentinien keine Ausnahme – einerseits vielfach ein Reservoir für Themen und Inhalte der gebildeten Kultur war und andererseits Misstrauen beim Staatsapparat hervorrief. Ein entscheidendes Thema war in diesen Jahren die Sprache, vor allem wegen des großen Anteils an Einwanderern.

  • 1. Das Scheitern – el fracaso – ist für argentinische Schriftsteller seit jeher eines der beliebtesten Themen, nicht nur als Motiv für Erzählungen, sondern als entscheidend für die persönliche Mythenbildung des Schriftstellers.
  • 2. Spricht man in Argentinien von dem zweiten Jahrhundert, liegt der Vergleich mit dem ersten nahe, da beide zunächst gegensätzlich erscheinen. Jedoch nur auf den ersten Blick. Ich wurde Mitte der 50er Jahre geboren; seit ich denken kann, bietet sich die Sehnsucht nach den frühen ruhmreichen Zeiten Argentiniens als Übung in kollektiver Frustration an. In regelmäßigen Ab- ständen bemühen sich Essays, die Gründe des historischen Scheiterns aufzudecken und sehen die Ursache in der Persönlichkeit des durchschnittlichen Argentiniers. Es handelt sich um Texte aus metaphysischer, historischer, soziologischer oder anderer Perspektive. Dabei ist nachzuvollziehen, dass es bequem ist, mit Verallgemeinerungen zu argumentieren, aber die Debatte der historischen Dekadenz übertreibt dies auf politisch höchst zweifelhafte Weise. Die Daten des argentinischen Niedergangs und relativen Rückschritts sind hinlänglich bekannt und offen zugänglich (und finden sich in zahlreichen internationalen Publikationen wieder), weshalb ich sie hier nicht wiederholen werde. Sie sind außerdem so offensichtlich, dass sie meistens keines weiteren Beweises bedürfen. Doch die Debatte über den argentinischen Rückschritt stammt üblicherweise aus den Reihen der Konservativen und Privilegierten, die den Eindruck erwecken, sie wollten der Allgemeinheit die Verantwortung für einen Verfall anlasten, für den sie in erster Linie selbst verantwortlich sind, so als ginge es darum, Verluste zu sozialisieren – in diesem Fall symbolische.
  • 3. Die Bemühungen um eine Literatur, die die Vorstellung dessen auf einen Nenner bringen sollte, was das Argentinische ist, führten paradoxerweise dazu, dass sich in ihr die Illusion festsetzte, sie selber sei die Zettelmaschine der Nationalität; fast so als sei Argentinien (und für viele ist dies immer noch so) ein geschriebenes Land.