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Ungeliebte Vergleiche. Drei Momente in der Geschichte Brasiliens und Argentiniens

Zusammenfassung | Argentinien und Brasilien weisen einige Gemeinsamkeiten auf, aber auch viele Gegensätze. Dieser Beitrag untersucht drei historische Entwicklungen, bei denen beide Länder aus einer ähnlichen Ausgangssituation heraus verschiedene Wege einschlugen: die Zeit von der Staatsgründung bis zum Boom des Agrarexportmodells Anfang des 20. Jahrhunderts, der desarrollismo Mitte des 20. Jahrhunderts und der Neoliberalismus an dessen Ende. Ziel ist, einige Merkmale «einzufangen», die bis zu einem gewissen Punkt die von beiden Ländern erreichten Ergebnisse erklären: die graduellen Veränderungen, die Kontinuität und zentrale Rolle des Staates in Brasilien; die Brüche, Versuche des Neubeginns und die zentrale Rolle der Gesellschaft in Argentinien.

Ungeliebte Vergleiche. Drei Momente in der Geschichte Brasiliens und Argentiniens

Argentinien und Brasilien gehen aus verschiedenen Kolonialmächten hervor und sprechen jeweils eine Sprache, die zwar auf der anderen Seite der Grenze verstanden wird, aber doch nicht dieselbe ist. Sie wurden in umgekehrte Richtung besiedelt (von der Küste und den Häfen ins Binnenland im Fall Brasiliens, vom Landesinneren in Richtung Hafen im Fall Argentiniens) und sie gewannen ihre Unabhängigkeit auf unterschiedliche Weise (traumatisch in Argentinien, durch Verhandlung in Brasilien). Die Nation wurde auf verschiedene Weise konsolidiert (mit Krieg im Fall Argentiniens, durch Pakte zwischen Eliten im Fall Brasiliens). Und auch in Bezug auf Größe, Bevölkerung und Geografie unterscheiden sich beide Länder sehr.

Sie haben jedoch auch vieles gemeinsam: Sie entstanden als Ableger der beiden großen Kolonialmächte der iberischen Halbinsel, verfügten über riesige unbewohnte Flächen, die es zu bevölkern galt, und konsolidierten sich zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als Rohstoffexporteure. Mit der Zeit verdammte das Agrarexportmodell, auf dem das Wachstum beider Länder in den ersten Jahrzehnten basierte, sie dazu, vor allem Beziehungen zu den Großmächten außerhalb der Region (England im Fall Argentiniens, die USA im Fall Brasiliens) zu pflegen und ihre Nachbarn zu vernachlässigen. Darauf folgte eine Etappe autarker Entwicklung im Rahmen eines auf sich selbst konzentrierten desarrollismo, während der sich Argentinier und Brasilianer ebenfalls den Rücken kehrten. Jedes der beiden Länder glaubte immer, anders – und besser – zu sein als das andere und der Rest Lateinamerikas, wie Träger einer offenbaren Bestimmung. Im 19. Jahrhundert beäugten die imperialen und postimperialen Eliten Brasiliens die südamerikanischen Republiken – und vor allem ihren rätselhaften Nachbarn im Süden – kritisch, ohne die Zersplitterung Hispanoamerikas durch die Unabhängigkeitskriege und die Unordnung und Anarchie danach zu verstehen. Ab Ende des 19. Jahrhunderts begriff die argentinische Führungsschicht ihr Land als eine moderne und zivilisierte, beinahe europäische Gesellschaft. Deutlichster Beweis dafür war ihre Fähigkeit, auf erstaunlich friedliche Weise Millionen von Immigranten zu integrieren – im klaren Gegensatz zur feudalen Sklavengesellschaft, die Brasilien noch war.

Dieses Selbstwahrnehmung der eigenen Größe, hinter der jeder Psychologe problemlos die eigene Unsicherheit erkennen wird, führte dazu, dass beide Länder ihren Blick zunächst nach Norden (in der Agrarexportphase) und dann auf ihren eigenen Nabel richteten (in der Etappe des desarrollismo) – aber nie auf ihre Nachbarn. Das Resultat waren zwei Volkswirtschaften, die sich parallel, aber fast ohne Berührungspunkte entwickelten. Neben der wirtschaftlichen und politischen Gleichgültigkeit war die Beziehung zwischen beiden Gesellschaften bis vor wenigen Jahren durch eine von gegenseitigem Misstrauen verstärkte Unkenntnis geprägt. Erst mit der Denuklearisierung der bilateralen Beziehung und einer politischen Annäherung, die später über den Mercosur zur Handelsintegration führte, ließ Mitte der 80er Jahre das Misstrauen zwischen beiden Ländern langsam nach.

Das Bemerkenswerte ist, dass es Brasilien über die Jahre geschafft hat, Argentinien in vieler Hinsicht (wenn auch nicht in jeder) zu übertreffen und sich heute als die Hegemonialmacht in Südamerika zu etablieren. Mit 47% der Gesamtfläche der Region und der Hälfte ihrer Bevölkerung belegt Brasilien den 22. Platz der weltweit gröβten Exporteure (mit einem Exportanteil von 1,2%), Argentinien dagegen steht auf dem 45. Platz (mit einem Exportanteil von circa 0,45%). Damit exportiert Brasilien fast dreimal mehr als Argentinien. Bei einem Vergleich des BIP steht Brasilien weltweit an neunter Stelle (1.979.632 Mio. US-Dollar), Argentinien mit 571.537 Mio., also einem Viertel davon, auf Platz 22.

Das Ziel dieses Artikels ist jedoch nicht, den Leser mit Zahlen und Fakten zu erschlagen. Fest steht, dass Brasilien klare wirtschaftliche Fortschritte gemacht hat, die empirisch ausreichend nachgewiesen sind. Genauso wenig soll hier eindimensional der Fortschritt Brasiliens einem stagnierenden Argentinien gegenübergestellt werden. Aus Platzgründen kann hier auch nicht die Entwicklung der beiden Länder ausführlich dargestellt werden, unsere Untersuchung beschränkt sich daher auf drei historische Phasen mit ähnlicher Ausgangssituation in beiden Ländern, in denen sie verschiedene Wege gingen: die Anfänge bis zum Agrarexportboom Anfang des 20. Jahrhunderts, den desarrollismo Mitte des Jahrhunderts und den Neoliberalismus zum Ende des Jahrhunderts. Ziel dieses Artikels ist es, am Ende einige Merkmale aufzuzeigen, die die Ergebnisse in beiden Ländern zu einem guten Teil erklären: die graduellen Veränderungen, die Kontinuität und zentrale Rolle des Staates in Brasilien gegenüber den Brüchen, Versuchen des Neubeginns und der zentralen Rolle der Gesellschaft in Argentinien.

Von der Staatsgründung zum Agrarexportmodell

Entstanden aus freundschaftlichen Verhandlungen zwischen einem Königsvater und seinem Sohn, durch ein spätes aber willig akzeptiertes Gesetz von der Sklaverei befreit und durch ein nicht weniger friedliches Abkommen zur Republik geworden, schaffte es Brasilien in einer Reihe unblutiger Wandlungen, jene Kriege und Tragödien zu vermeiden, die den Groβteil Hispanoamerikas geiβelten. Der – wirklich geringe – Preis dafür war das Fehlen von Helden: Es gab in Brasilien weder einen San Martín, der die Anden überquerte, noch einen Bolívar, der einen ganzen Kontinent befreite.

In seinem Essay »Sobre la dirigencia política de Brasil« behauptet José Luis Imaz, um die Geschichte und den Charakter der Brasilianer zu verstehen, müsse man die Tradition ihrer Kolonialmacht betrachten. In Portugal wird – im Gegensatz zu Spanien – der Stier nicht in der Arena getötet, sondern wieder in den Stall gebracht (den Stier zu töten ist sogar illegal). Imaz erinnert daran, dass es auch in Portugal war, wo sich 1974 eine Gruppe von Militärs mit Nelken in ihren Gewehren gegen die Diktatur von António de Oliveira Salazar, die langlebigste in Europa, erhob und es schaffte, die autoritäre Regierung abzusetzen, die Demokratie wiederherzustellen und einen Dekolonisierungsprozess einzuleiten, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen1.

  • 1. José Luis Imaz: »Sobre la dirigencia política de Brasil« in Colección año 7 Nr. 12, 2001.