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Sieben Fragen und sieben Antworten zu Bolivien unter Evo Morales

Zusammenfassung | Ist Evo Morales Indigenista? Ist sein Projekt eine Alternative zum Neoliberalismus? Welche Rolle fällt den sozialen Bewegungen zu? Wie sehr ist er wirklich von Hugo Chávez beeinflusst? Was soll mit der Verstaatlichung der Öl- und Erdgasvorkommen erreicht werden? Was wird aus der Verfassungsgebenden Versammlung? Und was ist mit der Autonomie der Region Santa Cruz? Der Artikel wirft Fragen zu einigen der entscheidenden Aspekte der bolivianischen Gegenwart auf und versucht, erste Antworten zu finden. Unabhängig von der Tagespolitik und dem möglichen Ausgang der Ära Morales vermutet der Autor intuitiv, dass sich derzeit eine Wende in der Geschichte Boliviens anbahnt.

Sieben Fragen und sieben Antworten zu Bolivien unter Evo Morales

1. Ist Evo Morales Indigenista?

Diese Frage kann nur vor dem Hintergrund der die ganze Geschichte Boliviens durchziehenden ethnischen Spaltung geklärt werden. Neu ist, dass die Problematik sich seit der Machtübernahme durch Evo Morales im Januar 2006 genau umgekehrt darstellt als vorher. Seit neustem fühlen sich jetzt weiß-häutige Bolivianer (Kreolen) von einem »indigenen Rassismus« verfolgt. Gegen den drohenden neuen Fundamentalismus helfe nur zu erkennen, »dass wir Bolivianer alle Mestizen sind«. Aber was steckt hinter der Strategie, das Mestizentum so zu betonen?

Für die Positivsten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie Alcides Arguedas oder Gabriel René Moreno war die ethnische Vermischung für die bolivianische Gesellschaft ein Fluch. Für den bolivianischen Nationalismus dagegen wurde das Mestizentum (das nicht mit der Dekolonisierung in Verbindung gebracht wurde) eine unerlässliche Voraussetzung für die Entstehung einer wahren Nation – insbesonders nach der traumatischen Niederlage im Chaco-Krieg (1932-1935). Bereits in den 90er Jahren übernahmen die bolivianischen Eliten den von den internationalen Finanzorganisationen geförderten multikulturellen Diskurs und verbanden ihn mit den damals in Mode gekommenen neoliberalen Postulaten. In diesem Zusammenhang wurde der Aymara-Führer Victor Hugo Cárdenas zum ersten indigenen Vizepräsidenten gewählt. Während seiner Amtszeit gab Bolivien seiner plurikulturellen und multiethnischen Realität Verfassungsrang.

Dennoch schlugen alle diese Versuche zur Bildung einer »wahren« Nation fehl. Sei es durch die faktische Ausmerzung der Indios im Zuge einer staatlich forcierten Akkulturation oder durch partielle Anerkennung der ethnischen Vielfalt bei gleichzeitiger Beibehaltung der materiellen bzw. symbolischen Strukturen der internen Kolonisation.

Heute erleben wir eine überraschende Rennaissance des »Indio«-Begriffs als Bindeglied einer breiten nationalbewussten Unterschichtsidentität, die aus verschiedenen historischen Lernprozessen heraus entstanden ist – dem Widerstand gegen die Kolonialherrschaft, der national-revolutionären Erfahrung und der noch frischen Erinnerung an den Neoliberalismus. Aus diesem Nationalismus indianischer Prägung kristallisieren sich die Movimiento al Socialismo (MAS, Bewegung zum Sozialismus) und die politische Führungsrolle von Evo Morales heraus. Darauf reagieren die Eliten, indem sie wieder einmal auf das Mestizentum als Herkunftsmythos der bolivianischen Identität zurückgreifen. In den 50er Jahren war das »Mestizentum« Teil eines antielitären, emanzipatorischen und gesellschaftsverändernden Diskurses. Heute dagegen nimmt es – angesichts einer (manchmal eher eingebildeten als tatsächlichen) Verdrängung der mittleren Schichten aus den ihre Lebensgrundlage bildenden öffentlichen Ämtern – eher defensiv-konservative Züge an. Und die einst mit dem Mestizentum verbundene emanzipatorische Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft für alle Bolivianer ist verloren gegangen. Die gebildeten städtischen Mittelschichten, die heute »Wir sind alle Mestizen« proklamieren, scheinen zu vergessen, dass es – wie H. Plaza bereits 1939 sagte – »weiße« und »indianische Mestizen« oder – moderner ausgedrückt – »Kreolen-Mestizen« und Cholos gibt.

Wenn also Evo Morales als Vorkämpfer der indigenen Bewegung bezeichnet werden kann, dann im Sinne dieses neuen Mestizentums, einer Unterschichtkultur, die von Klassenidentitäten (z.B. der Bergarbeiter), Modernisierung, Verstädterung, Akkumulationsformen, sozialer Differenzierung und kultureller Verschmelzung (Beispiele dafür sind die Cumbia oder der Rap) durchzogen wird. Zwar haben viele Indios die Einbindung in die ländlichen Gemein-schaften verloren (mehr als 60 Prozent der Bolivianer leben in Städten), verleugnen aber deshalb nicht unbedingt völlig ihre ländliche Herkunft und Aymara- oder Quechua-Kultur. Die Bolivianer sind zweifellos Mestizen, aber manche sind es mehr als andere.Evo Morales war als Kind mit seiner Familie in die Kokaregion Chapare gezogen und begann dort seine Karriere als Gewerkschafter und Politiker. Die Region ist ein Paradebeispiele für die Verschmelzung der gewerkschaftlichen Organisation der Kleinbauern – eine Reminiszens des revolutionären Nationalismus der 50er Jahre – mit den indigenen Gemeinschaftstraditionen, die die kulturelle Verschmelzung der verschiedenen indigenen Völker überlagert. Obwohl die traditionelle Organisation in Gemeinschaften in den Einwanderungsregionen weniger ausgeprägt ist, da das Land dort in Familienbesitz ist, haben jene unter neuen Vorzeichen in der politischen Praxis überlebt. Das führt dazu, dass die Gewerkschaften über ihre traditionellen Aufgaben hinaus in-zwischen zu einer Art Miniregierung auf kommunaler Ebene geworden sind. Evo Morales begann seine politische Karriere bei den Gewerkschaften der Kokabauern, zunächst als Verantwortlicher für sportliche Aktivitäten. Von dort stieg er zum Vorsitzenden der sechs Gewerkschaftsverbände des Regenwaldgebiets von Cochabamba auf, ein Amt, das er weiterhin innehat. Wenn Morales Indiointeressen vertritt, dann wirkt es manchmal als Mittel zum Zweck – zum Beispiel, wenn er den Kokaanbau international zu legitimieren versucht. Grundsätzlich geht es ihm weniger um die Forderung einer Rückkehr zum Ayllu (der Dorfgemeinschaft der Aymara) als um soziale Anerkennung, politische Partizipation und den Zugang zur Macht für eine aus rassischen Gründen diskriminierte Bevölkerungsmehrheit. Insofern bestehen Parallelen zu Nelson Mandela und seinem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Die indigene Komponente wird zudem vom gewerkschaftseigenen Pragmatismus – Evo Morales würde ihn »Riecher« nennen – und frappierend antiimperialistischen (oder genauer gesagt antiamerikanischen) Einstellungen beeinflusst. Letztere haben ihren Ursprung in den Auseinandersetzungen der Kleinbauern mit der Polizei und den Streitkräften, die mit Unterstützung der USA die Kokaplantagen zu vernichten versuchen.

Dass er flexibel ist, heißt jedoch nicht, dass Evo Morales nicht die Gleichberechtigung der indigenen Bevölkerung zum Ziel hätte. Ganz im Gegenteil. Besonders am Herzen liegt ihm die Verbesserung der Lebensbedingungen der breiten Bevölkerungsschichten, deren Armut er aus seiner Kindheit in Orinoca kennt, einer Aymara-Gemeinde der Region Oruro nahe am Poopo-See. Dass Evo Morales es geschafft hat, der »erste Indiopräsident« Boliviens zu werden, ist eben gerade darauf zurückzuführen, dass es ihm (im Gegensatz zu Felipe Quispe) gelungen ist, ein über die Aymara-zentrische Perspektive hinausgehendes politisches Projekt für alle Bolivianerinnen und Bolivianer zu formulieren. Die radikalen Forderungen nach Autonomie der indigenen Bevölkerung und Wiederherstellung des Qollasuyo, der Aymara-Region im Inkareich, wurden von Morales im ersten Jahr seiner Regierung in den Hintergrund gestellt. Einige Intellektuelle beschweren sich, dass das »weiße Umfeld« um den Präsidenten ihn von seiner Bauernbasis abriegle und so dazu beitrage, »unter der Indiomaske« den Kolonialismus wieder aufleben zu lassen. In der Tat gehörten dem ersten Kabinett Morales nur zwei Minister an, die mit den indigenen Interessen zu identifizieren sind: Bildungsminister Félix Patzi, der im Januar 2007 nach wiederholten Konflikten mit der Katholischen Kirche und eher links orientierten Lehrern in den Städten den Hut nehmen musste, und Außenminister David Choquehuanca mit seiner von Mystik durchzogenen Politikauffassung. Choquehuanca ist das »Indiogesicht« Boliviens und das Bindeglied zwischen der Regierung und den Aymara-Organisationen im Altiplano. Die Außenpolitik wird dagegen direkt vom Präsidentenpalast aus gelenkt. Einige Ministerien mit strategischer Bedeutung – Energie, Bergbau, Wirtschaftsplanung und Präsidialamt (desses Inhaber faktisch der Ministerpräsident ist) – sind in Händen eines linken Wirtschaftswissenschaftlers, eines ehemaligen Maoistenführers, eines »unpolitischen« Ökonomen und eines nationalistischen ehemaligen Offiziers. Von einer generellen »Indianisierung« der Regierung oder des Staates kann also keine Rede sein, diese erfolgt in jedem Fall »in variabler Geometrie«, also viel flexibler als manche Beobachter – von der Rhetorik indigener Identität positiv oder negativ beeindruckt – annehmen.