Artículo

Hell und Dunkel – die Sozialstruktur Argentiniens im Wandel

Zusammenfassung | Mit dem Staatsstreich 1976 und vor allem im Zuge der Wirtschaftsreformen der 90er Jahre wurde in Argentinien die Kluft zwischen Arm und Reich größer, die bis dahin umfangreiche Mittelschicht dünner. Es entstand eine »neue Armut«. Der Autor dieses Artikels leugnet diese allgemeine, durch traditionelle Einkommens- und Beschäftigungsindikatoren bestätigte Entwicklung nicht, weist jedoch auf gegenläufige Tendenzen im gleichen Zeitraum hin. Dazu gehören die Ausweitung des Bildungssystems, umfangreichere Konsummöglichkeiten für die unteren Bevölkerungsschichten und das – eingeschränkte – Fortbestehen aufsteigender Mobilität. Die Überwindung der zu bewältigenden Probleme Argentiniens erfordert ein vollständigeres, umfassenderes Bild von der Sozialstruktur, das die Feinheiten dieser komplexen Realität berücksichtigt.

Hell und Dunkel – die Sozialstruktur Argentiniens im Wandel

Einleitung

Der Staatsstreich von 1976 war mit dem Verschwinden von 30 000 Menschen nicht nur das schwärzeste Kapitel der argentinischen Geschichte, mit ihm begann auch eine Entwicklung, die die Sozialstruktur des Landes grundlegend veränderte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die soziale Kluft tiefer: Armut, gesellschaftliche und räumliche Segregation nahmen zu, die Arbeitnehmer büßten Sozialleistungen und Arbeitsplatzgarantien ein. Veränderungen dieser Größenordnung vollziehen sich jedoch nicht von einem Tag auf den anderen. Das Debakel nahm zwar während der Diktatur seinen Anfang, die umfassendsten Veränderungen vollzogen sich aber erst danach in den 90er Jahren. Deindustrialisierung, Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, Privatisierung staatlicher Unternehmen und eine Sozialpolitik, die die sozialen Folgen nur ungenügend abfederte, entfalteten in jenem Jahrzehnt ihre größte Wirkung.Und es war die peronistische Regierung unter Carlos Menem, die den von Perón in den 50er Jahren begründeten Sozialstaat endgültig aus den Angeln hob – eine Ironie der Geschichte?

Der Blick auf eine Reihe sozioökonomischer Indikatoren der 90er Jahre zeigt ein Panorama, das nicht trostloser sein könnte. Maristella Svampa nennt diesen Zeitabschnitt »das Ende der argentinischen Ausnahmesituation«, denn Argentinien zeichnete sich bis dahin durch eine breite Mittelschicht und einen hohen Anteil an arbeitsrechtlich geschützter und gewerkschaftlich organisierter Beschäftigung aus, wie sie in Lateinamerika ihresgleichen suchten.Für Juan Carlos Torre1 wiederum bestand die Sonderstellung Argentiniens in einer – trotz regionaler Unterschiede und der Existenz wirtschaftlicher Machtzentren – relativ homogenen Gesellschaft mit geringeren sozialen Unterschieden, in der das Streben nach sozialem Fortschritt für alle – auch als »Leidenschaft für die Gleichheit« bezeichnet – einen umfangreichen Konsens genoss.

Einige wenige Indikatoren reichen aus, um eine Vorstellung von der Verschlechterung ab 1976 zu vermitteln. Eine erste, Anfang der 70er Jahre durchgeführte Armutsstudie zu Lateinamerika wies für Argentinien die niedrigsten Armutszahlen in der Region aus: 5% in den städtischen und 19% in den ländlichen Gebieten2. Die erste Studie nach der Militärdiktatur von 1984 verzeichnete dagegen schon eine durchschnittliche Armutsrate von 22%, bei deutlichen territorialen Unterschieden: in der Stadt Buenos Aires betrug sie 7%,in den ärmsten ländlichen Gebieten 47%3.

Ein zentrales Phänomen war dabei die Verarmung der Mittelschicht und die Entstehung einer »neuen Armut«, die zwischen 1980 und 1990 um 465% anstieg4. In diesem Zeitraum sank die Kaufkraft der Löhne und Gehälter um 40%, insbesondere der mittleren Einkommen. So bildete sich eine hybride Schicht von »neuen Armen«, die im Hinblick auf langfristige wirtschaftlich-kulturelle Variablen wie Bildungsniveau und Familienstruktur der Mittelschicht nahe stehen (so ist z. B. die Kinderzahl niedriger als bei den sog. »strukturellen« Armen), gleichzeitig aber bei Einkommen, Unterbeschäftigung und Fehlen einer Sozialversicherung – also bei krisenbedingten, kurzfristigen Variablen – ähnliche Merkmale wie die strukturell Armen aufweisen.

Die Zahlen sprechen für sich. Bereits in den 90er Jahren stieg die Arbeitslosigkeit auf 15%, jeder vierte Arbeitsplatz in der Industrie ging verloren5, vor allem war jedoch eine deutliche Zunahme der Einkommensunterschiede festzustellen: 1973, vor der Diktatur, lag der Gini-Index bei 0,34, 1988 bei 0,45 und 1999 bei 0,506. Argentinien, das sich vorher zu den egalitären Ländern zählen konnte, wurde so zu einer Gesellschaft mit großen Einkommensunterschieden. Zehn Jahre später lässt sich die Erholung einiger wirtschaftlicher Variablen beobachten. Dennoch sind auch heute noch circa 25% der Haushalte arm. Die letzte vertrauenswürdige Messung der Einkommensverteilung fand 2006 statt und ergab einen Gini-Index von 0,48, was dem Wert von 1997 entspricht.

Daraus ergibt sich ein annäherndes Bild von den Veränderungen der argentinischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Detailaspekte zur sozialen Fragmentierung, regressiven Einkommensverteilung und sozio-territorialen Segregation würden es nicht wesentlich verändern. Natürlich teile ich diese Diagnose grundsätzlich. Ich möchte in diesem Artikel jedoch einige Facetten diskutierten, die zu den bisher skizzierten Tendenzen gegenläufig sind. Sie stellen die bereits erwähnten Entwicklungen nicht grundsätzlich infrage, müssen aber ebenfalls in Betracht gezogen werden. Nur so kann ein differenziertes Bild von der argentinischen Gesellschaft entstehen, im Gegensatz zur alleinigen Berücksichtigung der regressiven Einkommensverteilung, sozialen Benachteiligung und ähnlicher Phänomene.

Es gibt eine Reihe von weiteren Phänomenen, die zweifellos ebenfalls in die von mir angedeutete Richtung weisen, aber den Umfang dieses Artikels sprengen würden. Damit meine ich die neuen politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse, die sich parallel zur wachsenden Ungleichheit und sozialen Ausgrenzung entwickelt haben. So lässt sich seit Mitte der 90er Jahre das Entstehen vielfältiger, bis dahin unbekannter Formen von Widerstand, sozialer Entschädigung und Kreativität beobachten: Aktionen von Arbeitslosenorganisationen, Kulturkollektiven, Stadtteilversammlungen, besetzten Betrieben und einem breiten Spektrum von Initiativen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert, doch die Gesellschaft nimmt diese Situation nicht widerstandslos hin. Nicht nur aus einer idealisierenden Perspektive, sondern rein objektiv gesehen ist klar, dass diese Initiativen Spuren in der heutigen Gesellschaft Argentiniens hinterlassen. Da sie bereits in zahlreichen Arbeiten gut dokumentiert wurden, konzentriere ich mich hier auf weniger sichtbare Veränderungen in der Sozialstruktur.

Bevor ich mit der Analyse dieses Helldunkels beginne, möchte ich jedoch zwei wesentliche Facetten von sozialer Benachteiligung nennen, die über die bereits genannten Indikatoren der Einkommensunterschiede hinausgehen. Eine erste betrifft die Bevölkerungsstruktur: Argentinien weist eine atypische Altersstruktur auf. Es gibt einerseits einen für Entwicklungsländer typischen Kinderreichtum, andererseits aber auch wie bei höher entwickelten Ländern einen bedeutenden Anteil an älteren Menschen. Dieses Phänomen ergibt sich aus dem Nebeneinander von zwei verschiedenen Lebenszyklen: einen bei höheren, mittleren und unteren Schichten mit besseren Lebensbedingungen anzutreffenden »langen Lebenszyklus« mit einer höheren Lebenserwartung und geringerer Geburtenrate (niedriger Kinderzahl); andererseits, bei den ärmeren Bevölkerungsschichten einen »kurzen Lebenszyklus« mit hoher Kinderzahl und geringerer Lebenserwartung. Für sie beschleunigen sich alle Lebensphasen: nach einer kurzen Schulbildung treten sie frühzeitig und mit geringer Qualifikation ins Erwerbsleben ein, haben früh und in kurzen Abständen hintereinander mehrere Kinder, verlassen früher das Erwerbsleben und sterben jünger. »Schnell leben, um früh zu sterben« betitelte Susana Torrado ihre Studie zu diesem Thema7. Die Unterschiede zwischen beiden Lebenszyklen werden beim Vergleich der Altersstrukturen ärmerer und reicherer Provinzen offensichtlich. Die ungleiche Verteilung von Lebenschancen ist eine Folge des geringeren Zugangs der am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu Gütern und Dienstleistungen. Am gravierendsten ist jedoch die daraus zu ziehende Schlussfolgerung: die Aussichten, länger oder kürzer zu leben, hängen im Wesentlichen davon ab, wo und in welcher sozialen Struktur man geboren ist.

  • 1. »Transformaciones de la sociedad argentina« in Roberto Russell (Hrsg.): Argentina 1910-2010. Balance de un siglo, Taurus, Buenos Aires, 2010.
  • 2. Oscar Altimir: La dimensión de la pobreza en la Argentina, Cepal, Santiago de Chile, 1979.
  • 3. Instituto Nacional de Estadística y Censos (Indec): La pobreza en la Argentina, Indec, Buenos Aires, 1984.
  • 4. G. Kessler und Mercedes Di Virgilio: »Die neue urbane Armut. Die Wandlung der argentinischen Mittelklassen während der 90er Jahre« in Dieter Boris, Therese Gerstenlauer, Alke Jenss und Johannes Schulten (Hrsg.): Sozialstrukturen in Lateinamerika. Ein Überblick, VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2008.
  • 5. Luis Beccaria und Roxana Maurizio: La Argentina desigual, Universidad de General Sarmiento, Buenos Aires, 2007.
  • 6. J. C. Torre: op. cit.
  • 7. »Vivir apurado para morir antes« in Sociedad Nr. 7, Buenos Aires, 10.1995.