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Hell und Dunkel – die Sozialstruktur Argentiniens im Wandel

Zusammenfassung | Mit dem Staatsstreich 1976 und vor allem im Zuge der Wirtschaftsreformen der 90er Jahre wurde in Argentinien die Kluft zwischen Arm und Reich größer, die bis dahin umfangreiche Mittelschicht dünner. Es entstand eine »neue Armut«. Der Autor dieses Artikels leugnet diese allgemeine, durch traditionelle Einkommens- und Beschäftigungsindikatoren bestätigte Entwicklung nicht, weist jedoch auf gegenläufige Tendenzen im gleichen Zeitraum hin. Dazu gehören die Ausweitung des Bildungssystems, umfangreichere Konsummöglichkeiten für die unteren Bevölkerungsschichten und das – eingeschränkte – Fortbestehen aufsteigender Mobilität. Die Überwindung der zu bewältigenden Probleme Argentiniens erfordert ein vollständigeres, umfassenderes Bild von der Sozialstruktur, das die Feinheiten dieser komplexen Realität berücksichtigt.

Hell und Dunkel – die Sozialstruktur Argentiniens im Wandel

Einleitung

Der Staatsstreich von 1976 war mit dem Verschwinden von 30 000 Menschen nicht nur das schwärzeste Kapitel der argentinischen Geschichte, mit ihm begann auch eine Entwicklung, die die Sozialstruktur des Landes grundlegend veränderte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die soziale Kluft tiefer: Armut, gesellschaftliche und räumliche Segregation nahmen zu, die Arbeitnehmer büßten Sozialleistungen und Arbeitsplatzgarantien ein. Veränderungen dieser Größenordnung vollziehen sich jedoch nicht von einem Tag auf den anderen. Das Debakel nahm zwar während der Diktatur seinen Anfang, die umfassendsten Veränderungen vollzogen sich aber erst danach in den 90er Jahren. Deindustrialisierung, Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, Privatisierung staatlicher Unternehmen und eine Sozialpolitik, die die sozialen Folgen nur ungenügend abfederte, entfalteten in jenem Jahrzehnt ihre größte Wirkung.Und es war die peronistische Regierung unter Carlos Menem, die den von Perón in den 50er Jahren begründeten Sozialstaat endgültig aus den Angeln hob – eine Ironie der Geschichte?

Der Blick auf eine Reihe sozioökonomischer Indikatoren der 90er Jahre zeigt ein Panorama, das nicht trostloser sein könnte. Maristella Svampa nennt diesen Zeitabschnitt »das Ende der argentinischen Ausnahmesituation«, denn Argentinien zeichnete sich bis dahin durch eine breite Mittelschicht und einen hohen Anteil an arbeitsrechtlich geschützter und gewerkschaftlich organisierter Beschäftigung aus, wie sie in Lateinamerika ihresgleichen suchten.Für Juan Carlos Torre1 wiederum bestand die Sonderstellung Argentiniens in einer – trotz regionaler Unterschiede und der Existenz wirtschaftlicher Machtzentren – relativ homogenen Gesellschaft mit geringeren sozialen Unterschieden, in der das Streben nach sozialem Fortschritt für alle – auch als »Leidenschaft für die Gleichheit« bezeichnet – einen umfangreichen Konsens genoss.

Einige wenige Indikatoren reichen aus, um eine Vorstellung von der Verschlechterung ab 1976 zu vermitteln. Eine erste, Anfang der 70er Jahre durchgeführte Armutsstudie zu Lateinamerika wies für Argentinien die niedrigsten Armutszahlen in der Region aus: 5% in den städtischen und 19% in den ländlichen Gebieten2. Die erste Studie nach der Militärdiktatur von 1984 verzeichnete dagegen schon eine durchschnittliche Armutsrate von 22%, bei deutlichen territorialen Unterschieden: in der Stadt Buenos Aires betrug sie 7%,in den ärmsten ländlichen Gebieten 47%3.

Ein zentrales Phänomen war dabei die Verarmung der Mittelschicht und die Entstehung einer »neuen Armut«, die zwischen 1980 und 1990 um 465% anstieg4. In diesem Zeitraum sank die Kaufkraft der Löhne und Gehälter um 40%, insbesondere der mittleren Einkommen. So bildete sich eine hybride Schicht von »neuen Armen«, die im Hinblick auf langfristige wirtschaftlich-kulturelle Variablen wie Bildungsniveau und Familienstruktur der Mittelschicht nahe stehen (so ist z. B. die Kinderzahl niedriger als bei den sog. »strukturellen« Armen), gleichzeitig aber bei Einkommen, Unterbeschäftigung und Fehlen einer Sozialversicherung – also bei krisenbedingten, kurzfristigen Variablen – ähnliche Merkmale wie die strukturell Armen aufweisen.

Die Zahlen sprechen für sich. Bereits in den 90er Jahren stieg die Arbeitslosigkeit auf 15%, jeder vierte Arbeitsplatz in der Industrie ging verloren5, vor allem war jedoch eine deutliche Zunahme der Einkommensunterschiede festzustellen: 1973, vor der Diktatur, lag der Gini-Index bei 0,34, 1988 bei 0,45 und 1999 bei 0,506. Argentinien, das sich vorher zu den egalitären Ländern zählen konnte, wurde so zu einer Gesellschaft mit großen Einkommensunterschieden. Zehn Jahre später lässt sich die Erholung einiger wirtschaftlicher Variablen beobachten. Dennoch sind auch heute noch circa 25% der Haushalte arm. Die letzte vertrauenswürdige Messung der Einkommensverteilung fand 2006 statt und ergab einen Gini-Index von 0,48, was dem Wert von 1997 entspricht.

Daraus ergibt sich ein annäherndes Bild von den Veränderungen der argentinischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten. Detailaspekte zur sozialen Fragmentierung, regressiven Einkommensverteilung und sozio-territorialen Segregation würden es nicht wesentlich verändern. Natürlich teile ich diese Diagnose grundsätzlich. Ich möchte in diesem Artikel jedoch einige Facetten diskutierten, die zu den bisher skizzierten Tendenzen gegenläufig sind. Sie stellen die bereits erwähnten Entwicklungen nicht grundsätzlich infrage, müssen aber ebenfalls in Betracht gezogen werden. Nur so kann ein differenziertes Bild von der argentinischen Gesellschaft entstehen, im Gegensatz zur alleinigen Berücksichtigung der regressiven Einkommensverteilung, sozialen Benachteiligung und ähnlicher Phänomene.

Es gibt eine Reihe von weiteren Phänomenen, die zweifellos ebenfalls in die von mir angedeutete Richtung weisen, aber den Umfang dieses Artikels sprengen würden. Damit meine ich die neuen politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse, die sich parallel zur wachsenden Ungleichheit und sozialen Ausgrenzung entwickelt haben. So lässt sich seit Mitte der 90er Jahre das Entstehen vielfältiger, bis dahin unbekannter Formen von Widerstand, sozialer Entschädigung und Kreativität beobachten: Aktionen von Arbeitslosenorganisationen, Kulturkollektiven, Stadtteilversammlungen, besetzten Betrieben und einem breiten Spektrum von Initiativen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert, doch die Gesellschaft nimmt diese Situation nicht widerstandslos hin. Nicht nur aus einer idealisierenden Perspektive, sondern rein objektiv gesehen ist klar, dass diese Initiativen Spuren in der heutigen Gesellschaft Argentiniens hinterlassen. Da sie bereits in zahlreichen Arbeiten gut dokumentiert wurden, konzentriere ich mich hier auf weniger sichtbare Veränderungen in der Sozialstruktur.

Bevor ich mit der Analyse dieses Helldunkels beginne, möchte ich jedoch zwei wesentliche Facetten von sozialer Benachteiligung nennen, die über die bereits genannten Indikatoren der Einkommensunterschiede hinausgehen. Eine erste betrifft die Bevölkerungsstruktur: Argentinien weist eine atypische Altersstruktur auf. Es gibt einerseits einen für Entwicklungsländer typischen Kinderreichtum, andererseits aber auch wie bei höher entwickelten Ländern einen bedeutenden Anteil an älteren Menschen. Dieses Phänomen ergibt sich aus dem Nebeneinander von zwei verschiedenen Lebenszyklen: einen bei höheren, mittleren und unteren Schichten mit besseren Lebensbedingungen anzutreffenden »langen Lebenszyklus« mit einer höheren Lebenserwartung und geringerer Geburtenrate (niedriger Kinderzahl); andererseits, bei den ärmeren Bevölkerungsschichten einen »kurzen Lebenszyklus« mit hoher Kinderzahl und geringerer Lebenserwartung. Für sie beschleunigen sich alle Lebensphasen: nach einer kurzen Schulbildung treten sie frühzeitig und mit geringer Qualifikation ins Erwerbsleben ein, haben früh und in kurzen Abständen hintereinander mehrere Kinder, verlassen früher das Erwerbsleben und sterben jünger. »Schnell leben, um früh zu sterben« betitelte Susana Torrado ihre Studie zu diesem Thema7. Die Unterschiede zwischen beiden Lebenszyklen werden beim Vergleich der Altersstrukturen ärmerer und reicherer Provinzen offensichtlich. Die ungleiche Verteilung von Lebenschancen ist eine Folge des geringeren Zugangs der am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu Gütern und Dienstleistungen. Am gravierendsten ist jedoch die daraus zu ziehende Schlussfolgerung: die Aussichten, länger oder kürzer zu leben, hängen im Wesentlichen davon ab, wo und in welcher sozialen Struktur man geboren ist.

Die zweite Dimension ist territorial. Gatto hat in 14 Provinzen im Nordosten und Nordwesten Argentiniens untersucht, wie sich familiäre und territoriale Benachteiligung wechselseitig verstärken8. Er weist die Existenz von 900.000 Haushalten mit vier Millionen Menschen in chronischer Armut nach. Diese Zahl erklärt sich aus einer schlechten Beschäftigungssituation, vor allem aber aus dem Mangel an grundlegender Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung, ärztlicher Versorgung und Arbeitsplätzen in der jeweiligen Region. Dieser harte Kern der von der Gesellschaft Ausgeschlossenen ist sowohl auf eine familienorientierte Sozialpolitik als auch auf öffentliche und private Infrastrukturmaßnahmen in der Region angewiesen. Es handelt sich um extrem benachteiligte Menschen, denn es fehlt ihnen nicht nur an materiellen Ressourcen, sondern auch an politischer und sozialer Organisation, und dies umso mehr, je weiter sie von den öffentlichen Sphären entfernt sind, wo ihre Stimmen, Forderungen oder Proteste landesweite Aufmerksamkeit wecken könnten.

Gegenläufige Tendenzen

Hier beginnt unsere eigentliche Analyse des Helldunkels, jener Phänomene, die eine zum vorher beschriebenen Prozess gegenläufige Tendenz andeuten. Zunächst muss gesagt werden, dass sich trotz Wirtschaftskrisen im selben Zeitraum verschiedene soziale Indikatoren verbessert haben. 2000 haben alle Länder die Millenniumssziele für die kommenden Entwicklungsdekaden formuliert. Argentinien hat sich dabei mittelfristige Ziele bis 2007 gesetzt. Bei einer kürzlichen Überprüfung durch den Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA) wurde festgestellt, dass Argentinien u. a. bei der Armut, der Vorschulbildung, der Arbeitslosigkeit, dem Frauenanteil in der höheren Bildung, der Impfung von Kleinkindern sowie der Zahl der Ansteckungen, Erkrankungen und Todesfälle durch HIV-AIDS eine akzeptable Situation aufweist. Die für 2007 gesteckten Ziele wurden erreicht und die beobachteten Tendenzen lassen die fristgerechte Erreichung der Milleniumsziele erwarten9.

Daraus ergibt sich ein erster Hinweis auf eine relative Verselbstständigung der sozioökonomischen Faktoren von anderen eher sozialen Variablen. Das heißt, letztere können sich verbessern, auch wenn erstere sich verschlechtern. Diese Fortschritte beziehen sich allerdings jeweils auf landesweite Daten, hinter denen sich Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Gruppen oder Regionen verbergen können. Die erwähnte Untersuchung ergibt, ebenso wie andere Studien, nicht nur Unterschiede zwischen verschiedenen Provinzen, sondern auch, dass in manchen Aspekten, z. B. der Kindersterblichkeit, die Unterschiede in den letzten Jahren zugenommen haben. Unter dem Strich haben sich die Indikatoren in den reicheren Provinzen weiter verbessert, in den ärmeren dagegen verschlechtert.

Auch im Vergleich mit anderen Ländern relativiert sich die optimistische Diagnose. Auf vielen Gebieten übertraf Argentinien früher die meisten Länder Lateinamerikas. Vergleicht man ihre Entwicklung über die letzten drei Jahrzehnte, lassen sich jedoch in vielen dieser Länder wesentlich weiter reichende Verbesserungen beobachten als in Argentinien. In Ländern wie Chile oder Costa Rica, wo die Kindersterblichkeit 1980 höher lag als in Argentinien, ist sie heute niedriger. Kurz gesagt: Argentinien kann Fortschritte bei dem einen oder anderen Indikator vorweisen, die regionalen Unterschiede haben jedoch zugenommen und Argentiniens Entwicklungsleistung liegt unter der anderer Länder der Region im gleichen Zeitraum.

Eine zweite Tendenz bezieht sich auf die soziale Mobilität. Die Studien Gino Germanis aus den 60er Jahren wiesen für Argentinien eine weltweit fast einzigartige Situation aus: Der Hälfte der Arbeiterkinder war es gelungen, in nur einer Generation in Mittelschichtberufe aufzusteigen10. Zwar stellte dies eher eine Ausnahmesituation als eine stabile Dynamik der Gesellschaft dar, jedoch legen spätere Studien nahe, dass die Arbeitsplatzmobilität – und damit letztendlich auch die soziale Mobilität insgesamt- nie ganz verschwand. In der Tat bestätigen neuere Studien, u.a. von Jorge Raúl Jorrat11, dass es diese Mobilität trotz dem Eindruck allgemeiner Verarmung weiterhin gibt. Aufgrund der Berufstätigkeit der Frauen sind von Generation zu Generation sogar Tendenzen zu einer höheren Beschäftigungsmobilität zu beobachten. Pablo Dalle12 wiederum zeigt, dass im letzten Jahrzehnt die aufsteigende Mobilität höher war als die absteigende, wenn auch mit geringeren Möglichkeiten zu einem großen Statuszuwachs. Für ein Unterschichtskind ist es also sehr schwierig, Positionen mit sehr hohem Status zu besetzen, was in der Vergangenheit durchaus möglich war. Jedoch kann es eine etwas bessere Beschäftigung anstreben als seine Eltern. Zusammenfassend handelt es sich also um eine Gesellschaft, die zwar weniger offen ist als früher und den rapiden sozialen Aufstieg hemmt, die jedoch durchaus weiterhin Aufstiegschancen bietet.

Die aufsteigende Mobilität von heute unterscheidet sich allerdings von der der Vergangenheit durch das zunehmende Gewicht der sogenannten »strukturellen Mobilität«, den Veränderungen der Arbeitsplatzstruktur durch wirtschaftliche Modernisierung. Durch sie bedingt nahm der Anteil gering qualifizierter Arbeit ab, während im wachsenden Dienstleistungssektor die qualifizierten Arbeitsplätze zunahmen13. So bestand die Erwerbsbevölkerung 1980 zu 6% aus Akademikern, zu 40% aus qualifizierten Arbeitern und Angestellten und zu 54% aus unqualifizierten Arbeitskräften, 2001 betrugen die Anteile derselben Gruppen jeweils 10%, 60% und 30%. Das heißt, ein großer Teil der Mobilität entsteht durch die einfache Tatsache, dass die Arbeitsplätze aufgrund der benötigten Qualifikationen höher eingestuft werden als in der Vergangenheit. Vergleicht man jedoch gleichzeitig die Einkommensentwicklung für die verschiedenen Positionen, stellt man fest, dass das Einkommen in allen Fällen gesunken ist. So verdiente ein Facharbeiter im Dienstleistungssektor 2001 fast 30% weniger als ein unqualifizierter Arbeiter in der Industrie. Es ließen sich auch Vergleiche zwischen verschiedenen Kategorien oder Langzeitvergleiche innerhalb einer Kategorie anstellen14. Entscheidend ist, dass die strukturelle Mobilität größer geworden ist, aber gleichzeitig die mit dem jeweiligen Arbeitsplatz verbundenen sozialen Leistungen gesunken sind. Das heißt, dass sich auch bei einem Aufstieg in der Beschäftigungsskala die sozialen Leistungen im Vergleich zur Vergangenheit nicht verbessern müssen oder es sogar zu einem Einkommensverlust kommen kann.

Eine dritte Tendenz, die mit der Verschlechterung der Einkommensverteilung kontrastiert, ist die unaufhaltsame Ausweitung des Bildungssystems. Schon seit einigen Jahrzehnten besuchen nahezu alle Argentinier die siebenjährige Primarschule; grundlegende Unterschiede zwischen den sozialen Schichten bestanden aber weiterhin beim Besuch weiterführender Schulen und der Hochschule. So besuchten 1990 53,3% der Jugendlichen, die den unteren 30% der Bevölkerung angehören, eine weiterführende Schule, 2003 waren es nach dem Informationssystem zu Bildungstendenzen in Lateinamerika (Sistema de Información de Tendencias Educativas de América Latina) bereits 74%. Das heißt, die Universalisierung der Schulbildung machte trotz der Krise Fortschritte. Damit handelt es sich nicht um eine Dynamik, die nur unter dem Aspekt der sozialen Ausgrenzung oder Einbeziehung begriffen werden kann.

Guillermina Tiramonti hat darauf hingewiesen, dass das argentinische Bildungssystem im Laufe seiner Geschichte die verschiedenen sozialen Gruppen schichtenspezifisch integriert hat15. Jeder Schultyp nimmt eine bestimmte soziale Gruppe auf und schließt andere aus, aber der Druck der jeweils Ausgeschlossenen führt zur Schaffung neuer Schultypen. Im 20. Jahrhundert wurden die berufsbildenden Schulen für die unteren Schichten zu einer Alternative zur Universität, denn ihr Abschluss berechtigte zur Ausübung einer Vielzahl von Handwerksberufen. In den letzten Jahren wurden verschiedene Bildungseinrichtungen für Schulabbrecher geschaffen, die zu einem späteren Zeitpunkt ihre Schulbildung fortsetzen möchten, z. B. die sog. escuelas de reingreso, die auf die Bedürfnisse arbeitender Erwachsener zugeschnitten sind.

Im Hochschulbereich wurden in den 1990er Jahren in ärmeren Gegenden vor allem in Vororten von Buenos Aires gebührenfreie staatliche Universitäten mit einem hohen akademischen Niveau gegründet, um einer früher von der höheren Bildung ausgeschlossenen Bevölkerung den Zugang zur Universität zu ermöglichen. Und auch von der Gesellschaft wurden innovative Bildungsinitiativen ins Leben gerufen: Die Arbeitslosen- und Fabrikbesetzerbewegungen haben in den letzten zehn Jahren mit Hilfe von Erziehern neue Schulmodelle entwickelt, deren Pädagogik sich von den traditionellen Unterrichtsmethoden unterscheidet. Aber auch in diesem Bereich spielt die Ungleichheit eine zentrale Rolle. Dabei geht es nicht nur um die Kluft zwischen staatlichen und privaten Schulen. Auch zwischen staatlichen Schulen bestehen große Unterschiede in Hinblick auf Infrastruktur und Lehrergehälter, die vor allem davon abhängen, wie viel die jeweilige Provinz in Bildung investiert.

Die vierte Dimension, in der wichtige Veränderungen stattgefunden haben, ist der Konsum. Seit einigen Jahren wird in Lateinamerika die »Demokratisierung des Konsums« diskutiert – ein Hinweis auf den verbesserten Zugang der Unterschichten zu einer Vielzahl von Gütern16 –. Die Verkaufszahlen von Handys und Computern sind gestiegen. In Argentinien gibt es den Besitz bestimmter Güter wie Farbfernseher, Kühlschrank und Waschmaschine betreffend kaum Unterschiede zwischen den sozialen Schichten17. Der Zugang zu Krediten und Preissenkungen bei bestimmten Gütern begünstigten den Massenkonsum. Vor einem Jahrzehnt war z. B. von einem weiteren Aufbrechen der »digitalen Kluft« die Rede und man sah voraus, dass die neuen IT-Technologien die Schichtunterschiede vergrößern würden. Der Preisverfall bei diesen Technologien ermöglichte jedoch wider Erwarten einen verstärkten Zugang ärmerer Bevölkerungsgruppen zu diesen Produkten. Ein weiteres Beispiel sind die sich in Argentinien wie in ganz Lateinamerika bildenden informellen Einkaufszentren. So z. B. in La Salada, im Großraum Buenos Aires, wo Markenartikel und Imitate zweifelhafter Herkunft angeboten werden. Der Markt hat seine eigene Homepage, auf der es heißt: »Dieser Markt ist wegen der Imitate von Markenprodukten, die man hier findet, als einer der größten Umschlagplätze für illegale Ware in Lateinamerika bekannt«18. Doch auch ohne diese Beispiele ist offensichtlich, wie stark sich das Konsumverhalten der ärmeren Bevölkerungsschichten im letzten Jahrzehnt gewandelt hat. Sogar in den ärmsten Vierteln findet heute ein höherer Warenumsatz statt, was wiederum die Form verändert, in der die Exklusion erlebt wird.

Und schließlich hat in Argentinien ein bedeutender Wandel in Bezug auf Diversität und Diskriminierung stattgefunden. Es wurden neue Gesetze beschlossen, aber vor allem fand ein bedeutender kultureller Wandel statt. Dazu gehört, dass in den letzten zehn Jahren Frauenquoten in der Politik, ein Gesetz zur Ehe gleichgeschlechtlicher Paare und ein Gesetz gegen Gewalt in der Familie beschlossen wurden. Ebenso von Bedeutung sind die Einrichtung eines Bundesamts gegen Diskriminierung und ein Einwanderungsgesetz, das bisher illegalen Einwandern aus den Nachbarländern das Aufenthalts- und Arbeitsrecht verleiht. Auch die Problematik der indigenen Bevölkerung, die früher ignoriert wurde, wird thematisiert – vor allem seit der Verfassungsreform von 1994 und den Gesetzen, die eine multikulturelle Bildung ermöglichen. Diese Neuerungen sind von besonderer Bedeutung, weil das Bildungssystem in Argentinien traditionell vor allem die Aufgabe hatte, die kulturelle Integration der Bevölkerung zu fördern. Es eröffnen sich auch rechtliche Möglichkeiten für die Rückgabe von Land an die indigene Bevölkerung. Dabei handelt es sich zweifellos um Schritte zur sozialen Anerkennung und Gleichstellung. Doch inwieweit bedeutet das eine Verringerung der Einkommensunterschiede? Dies ist noch schwer abzusehen. Nur zu Genderaspekten gibt es dabei Zahlen: Zwar sind die Fortschritte noch unzureichend, doch es ist eine Tendenz zur Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern und zu einer stärkeren Beteiligung der Frauen an den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens feststellbar. In jedem Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass alle diese Maßnahmen zu einer Verringerung der Diskriminierung beitragen und damit letztendlich die Gleichberechtigung fördern.Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass Diskriminierung heute grundsätzlich weniger akzeptiert wird als in der Vergangenheit. Argentinien registriert wie die übrigen Länder Lateinamerikas ein Ansteigen der Kriminalität und der Furcht davor, von ihr betroffen zu sein. Etwa 80% der Argentinier sind der Meinung, dass die Kriminalität ein großes Problem darstellt19. Eine Folge davon ist, was wir eine »allgemeine Gefahrenannahme« nennen. Dabei handelt es darum, in allen Interaktionen und in jedem Umfeld in Gesten, Aussehen oder Schweigen eine mögliche Bedrohung zu sehen und Maßnahmen zu ergreifen, um Gefahren zu erkennen und fernzuhalten. Dies führt zu einem allgemeinen Vertrauensverlust, der das gesellschaftliche Leben auf allen Ebenen beeinträchtigt. Die Generalisierung des Verdachts zeigt ein gewisses Fortbestehen sehr verbreiteter gesellschaftlicher Praktiken und staatlicher Maßnahmen. Auf der mikrosozialen Ebene kommt es dadurch zur präventiven Vermeidung des Anderen, die in der Absicht sich zu schützen oft ungewollt zur klaren Diskriminierung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen im städtischen Umfeld führt. Die Gefahrenannahme birgt so ein tiefgreifendes unterschwelliges Risiko, denn obwohl dieses Verhalten nicht stigmatisierend gemeint ist, ist es das letztendlich. Gleichzeitig wird nicht mehr jeder Unterschied grundsätzlich abgelehnt, und das Zusammenleben mit der Diversität und Andersartigkeit erscheint möglich, auch wenn potenziell Bedrohliches brutal zurückgewiesen wird.

Unter dem Strich legen diese Tendenzen nahe, dass es mehr Helldunkel in der argentinischen Sozialstruktur gibt als gewöhnlich angenommen wird. Diese Feststellung soll keine Gegenthese zur Zunahme der sozialen Unterschiede darstellen, sondern darauf hinweisen, dass beide Tendenzen, die sich nicht ausschließen und auf verlässlichen Grundlagen fußen, in Betracht gezogen werden müssen, um ein vollständiges Bild der heutigen Sozialstruktur Argentiniens zu gewinnen. Ein Bild, das alle diese Aspekte berücksichtigt und in dessen Ergebnis die argentinische Gesellschaft zwar nicht gerechter sein wird als in der Vergangenheit, sich aber auch nicht nur in eine Richtung entwickelt. Zudem handelt es sich um eine Gesellschaft, die sich radikal verändert hat. Dabei sind die Formen und Sphären größerer Gleichberechtigung und auch von Benachteiligung andere als in der Vergangenheit. Es werden Fragen thematisiert, die früher keine Rolle spielten, und gleichzeitig sind heute einige früher totgeschwiegene Formen von Ungleichheit und Diskriminierung nicht mehr akzeptabel.

Waren wir früher eine so gerechte Gesellschaft?

Ein kritischer Blick auf unsere Gegenwart zwingt uns auch, die Darstellung der Vergangenheit zu überprüfen, die uns als Vergleichsgrundlage dient. Bei genauerer Analyse mancher Daten, auf deren Grundlage wir Soziologen die Auffassung vertraten, Argentinien sei ein egalitäres Land, könnten einige der allgemein vertretenen Schlussfolgerungen überdacht werden. Diese Auffassung fußte vor allem auf der beeindruckenden Mobilität innerhalb und zwischen den Generationen in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Arbeiten Germanis stellen dabei, wie bereits gesagt, eine obligate Referenz dar, ihre Grenzen allerdings ebenso. Einerseits beschränkten sich seine Untersuchungen auf den Großraum Buenos Aires und – wie zur damaligen Zeit üblich – auf die männliche Bevölkerung. Aber vor allem ziehen sie in Zweifel, was wir für Anzeichen für eine Gesellschaft hielten, die die gesellschaftliche Gleichberechtigung als Horizont verinnerlicht hat. Damit meine ich, dass die wirtschaftliche Modernisierung neue Arbeitsplätze in mittleren und höheren Positionen schuf, deren Anzahl die der Kinder der Eliten und bestehenden Mittelschichten überstieg. Möglicherweise kam es so zu diesem mächtigen Sog, der alle, die über das notwendige Human- oder Sozialkapital zur Besetzung dieser Positionen verfügten, absorbierte. Es handelte sich also um eine »durchlässige« Gesellschaft, die den gesellschaftlichen Aufstieg ebenso ermöglichte wie Jahrzehnte später, in Ermangelung eines sozialen Netzes, dessen Gegenteil.

Ist diese Durchlässigkeit jedoch ein Merkmal einer egalitären Gesellschaft, wie wir es annahmen? Oder zeigt sie nicht vielmehr, dass der Aufstieg solange ungebremst möglich war, wie die Aufsteiger die Position der Eliten nicht in Frage stellen? Die Chancen zum gesellschaftlichen Aufstieg haben sich fest verankert und prägen die Erwartungen: Niemand ist von Geburt her anders. Dieser Gleichheitsanspruch besteht bis heute und hat zweifellos eine entscheidende Rolle in den in den letzten Jahren entstandenen Widerstandsbewegungen gegen die wachsende Ungleichheit gespielt. Jedoch hat er sich nicht als plebejische Forderung in politischen Institutionen, einer demokratischen Praxis, kristallisiert, die ihn dauerhaft gewährleisten könnte. Was wir eine »egalitäre Gesellschaft« nennen, war also eher eine integrationsfähige »durchlässige Gesellschaft« – also haben wir vorschnell Integration und Gleichheit gleichgesetzt. Diese Idee ist schwer nachzuweisen, es bleibt mir aber die Möglichkeit eines Gedankenspiels. Wäre soziale Gleichheit tatsächlich ein grundlegender Wert der argentinischen Gesellschaft, hätte sie es möglicherweise geschafft, der Zunahme der sozialen Unterschiede in den 90er Jahren einen Riegel vorzuschieben, wie es in anderen Ländern der Region geschah. In Uruguay zum Beispiel wurde die Schwächung des Staates durch Volksbegehren gegen die Privatisierungen verhindert und in einigen Städten der Bau eingezäunter privater Wohnsiedlungen, gerade wegen ihrer sozial desintegrierenden Folgen.

Implikationen der gegenläufigen Tendenzen

Hiermit kommen wir zum letzten Punkt, den Implikationen der bis hier untersuchten Tendenzen für die Gesellschaft. Zunächst soll auf einige Auswirkungen, die der Ungleichheit in ihrer klassischen Ausprägung eigen sind, eingegangen werden. Verschiedene Studien haben für Argentinien ähnliche Folgen der Ungleichheit bestätigt, wie sie auch in anderen Ländern zu beobachten sind. So wird auf den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Kriminalität hingewiesen, und hier ist Argentinien keine Ausnahme: Es wurde nachgewiesen, dass mit einer Zunahme des Einkommensunterschieds zwischen Armen und Reichen von 10% die Kriminalitätsrate um 3% steigt20.

An zweiter Stelle muss die Zunahme der territorialen Segregation genannt werden. Die Forschungen für den Großraum Buenos Aires weisen eine zunehmende Homogenität der Bevölkerung in manchen Stadtvierteln bei gleichzeitiger Zunahme der Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtregionen aus. Die in den 90er Jahren entstandenen privaten Siedlungen sind ein weiteres neues Phänomen. Die Segregation verschlechtert die Einkommensverteilung weiter. Schließlich beruht die Aversion gegen die soziale Ungerechtigkeit auf der Fähigkeit der Bessergestellten, sich in die weniger gut Gestellten einfühlen zu können, und dem Gefühl der moralischen Verpflichtung ihnen gegenüber. Diese Haltungen werden durch den Mangel an regelmäßigen informellen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Schichten geschwächt – und diese ergeben sich im öffentlichem Nahverkehr, auf öffentlichen Plätzen, in Schulen und Krankenhäusern, im Fußballstadion, in der Kneipe, am Strand, bei Massenveranstaltungen, auf der Straße. Die Segregation des Wohnraums und die Segmentierung der Dienstleistungen führen dazu, dass es weniger Orte der Begegnung gibt und schwächen damit die strukturellen Voraussetzungen für die Entwicklung von Empathie und dem Gefühl moralischer Verpflichtung. Dies wiederum mindert die Ablehnung gesellschaftlicher Benachteiligung und die Wirksamkeit von Maßnahmen zur sozialen Integration.

Hierbei handelt es sich um Auswirkungen sozialer Benachteiligung, wie sie sich mit Varianten in vielen Teilen der Welt finden lassen. Ich möchte aber besonders auf drei hinweisen, die in einem engeren Zusammenhang zu den in diesem Text dargestellten gegenläufigen Tendenzen stehen. Die erste bezieht sich auf die soziale Mobilität und resultiert aus der Unmöglichkeit, eine Tendenz in eine einzige Richtung festzustellen. Dabei herrscht, wie bereits gesagt, die Vorstellung von einer massiven Aufstiegsmobilität vor, vor allem der Mittelschicht. Jedoch hat sich die zu Beginn der 90er Jahre oft absteigende Mobilität heute eher in instabile Lebensläufe verwandelt. In den 90er Jahren Verarmte erzielten in den nachfolgenden Wachstumsphasen eine Verbesserung ihrer Situation und stürzten später, gegen 2001, wieder ab. Vor allem wer ein höhere Qualifikation und größeres soziales Kapital hatte, schaffte es später, sich zu erholen. So ist die langfristige Entwicklung in vielen Fällen kein Absturz ohne Wiederkehr. Charakteristisch für einen Großteil der argentinischen Gesellschaft sind jedoch die instabilen Lebensläufe. Noch zu untersuchen sind deren Auswirkungen und wie diese sich von der klassischen auf- oder absteigenden Mobilität unterscheiden.

Ebenso ist, wie bereits erwähnt, eine aufsteigende strukturelle Mobilität zu verzeichnen, d. h. die absolute und relative Zunahme von Arbeitsplätzen, die aufgrund der notwendigen Qualifikation traditionell der Mittelschicht zugeschrieben wurden. Aber gleichzeitig gingen die mit diesen Arbeitsplätzen verbundenen sozialen Vorteile und Leistungen durch Einkommensverluste und der generellen Prekarisierung der Beschäftigung verloren. Dadurch fand oft in Bezug auf die Qualifikation des Arbeitsplatzes ein sozialer Aufstieg innerhalb einer Generation oder von einer Generation zur nächsten statt, allerdings ohne den entsprechenden Zuwachs – oder sogar unter Verlust – von Wohlstand. Dies führt wiederum zu einer sog. »unechten Mobilität«21, die zu einer gewissen Inkohärenz zwischen sozialem Status und den damit verbundenen Vorteilen führt. So zum Beispiel bei einer Arbeitertochter, die es schafft, Lehrerin zu werden und feststellen muss, dass ihr Lebensstandard niedriger ist als der ihrer Eltern. Ihr Fazit: »Ich steige auf, aber ich steige ab«. Andere wünschen sich Positionen, die früher ein geringeres Ansehen genossen, aber heute beliebt sind, weil sie mehr Sicherheit bieten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der Wandel der Sozialstruktur vor dem komplexen Panorama in Argentinien anders darstellt als in den klassischen Mobilitätsstudien angenommen wurde.

Eine zweite Folge dieser Tendenzen hängt mit der Ausweitung des Bildungssystems zusammen. Die Situation der Jugendlichen wird durch die Spannung zwischen dem Bewusstsein über das Recht auf Bildung einerseits und den Integrationsschwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt andererseits bestimmt. In einer neueren Untersuchung22 wurde festgestellt, dass alle sozialen Gruppen Bildung als ihr Recht ansehen – unabhängig davon, inwieweit sie tatsächlich Zugang zum Bildungssystem haben. Eine Hochschulbildung wird heute von allen angestrebt, und es herrscht die Vorstellung, der Staat müsse den Zugang dazu gewährleisten. Die Erwartungen in Bezug auf die Beschäftigungsaussichten sind dagegen höchst unterschiedlich. Während im Bildungsbereich zunehmend Rechte gewährt werden, ist die Arbeitswelt von Benachteiligung und Mangel an Mitspracherechten gekennzeichnet. Zwar sind die Spuren der Bildungsexpansion in den letzten Jahrzehnten nicht mehr zu verkennen, genauso wenig aber auch die Flexibilisierung und Einschränkung von Arbeitnehmerrechten. Die Arbeitswelt wird so als Sphäre mit wenig Rechten, geringer Sicherheit und diversen Gefahren wahrgenommen. Vor allem Jugendliche aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen und Randgruppen fürchten, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Diese Bedrohung wird als besonders unerträglich wahrgenommen, da das Bildungssystem die Erwartungen auf sozialen Aufstieg vergrößert hat. Für die argentinischen Jugendlichen ergibt sich so ein Widerspruch zwischen besserem Zugang zum Bildungssystem und gleichzeitig ungewissen Berufsperspektiven.

Ein dritter Aspekt ist die Diskriminierung. Wie bereits erwähnt, ist die Sensibilität gegenüber allen Formen von Diskriminierung und die Akzeptanz gegenüber Andersartigem gewachsen. Trotz dieser Fortschritte ruft die allgemeine Gefahrenannahme ein Gefühl der Diskriminierung bei jenen Gesellschaftsgruppen hervor, die aufgrund ihres Aussehens oder Alters als bedrohlich wahrgenommen werden. So ergab eine komparative Untersuchung in vier Mercosur-Großstädten – Buenos Aires, Rio de Janeiro, Asunción und Montevideo –, dass sich in der argentinischen Hauptstadt die meisten Befragten diskriminiert fühlten23. Ich glaube nicht, dass die Diskriminierung objektiv in Buenos Aires häufiger ist, bezweifele aber nicht, dass die Sensibilität dafür sehr ausgeprägt ist. Es ist möglich, dass sich in Buenos Aires aufgrund der relativen Stärke der historischen Gleichheitsvorstellungen und der in letzter Zeit gemachten Fortschritte bei der Anerkennung von Diversität die Angst vor einer möglichen Gefährlichkeit Anderer mit einer starken Sensibilität gegenüber Diskriminierung paart.

Und so kommen wir zur Frage des Hier und Jetzt: Was macht die argentinische Gesellschaft heute aus? Wie lassen sich ihre gegenläufige Tendenzen darstellen? Wie wir gesehen haben, gibt es einen Zuwachs an sozialer Ungleichheit, aber auch Entwicklungen, die diese in mancher Hinsicht mildern können; eine Abnahme vieler Formen von Diskriminierung, während angesichts einer ständigen Gefahrenwahrnehmung, in der Klassenressentiments mitschwingen, neue entstehen. Ebenso werden Identitäten sichtbar, die früher nicht wahrgenommen wurden, und das Bildungssystem wurde ausgeweitet, während die Situation auf dem Arbeitsmarkt viel schwieriger geworden ist.

Einige Mythen der Vergangenheit ließen sich ebenfalls anzweifeln. Manche davon haben einen realen Hintergrund, andere nicht. In Kritik geraten ist so z. B. die Vorstellung von Argentinien als einem Schmelztiegel, dem es gelungen sei, (fast) alle Arten von Identität zu integrieren. In gewisser Hinsicht ist das ein gutes Zeichen – eine bisher verleugnete Diversität kann so erkannt und geschätzt werden. Was charakterisiert also diese Gesellschaft? Zweifellos all diese Merkmale: die Benachteiligung und der Konsum der ärmeren Bevölkerungsschichten, eine große kulturelle Kraft ihrer Städte und die Marginalität, der Widerstand gegen soziale Ausgrenzung und kreative politische Ansätze. Diese Vielfältigkeit, diese Heterogenität der Kräfte, Identitäten und Tendenzen sind Beweis ihrer Vitalität und bieten einen Ausgangspunkt für die Überwindung der Übel, die uns heute, im 200. Jahr der argentinischen Unabhängigkeit heimsuchen.

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  • 13. S. Torrado: Estructura social de la Argentina, 1945-1983, De La Flor, Buenos Aires, 1993.
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  • 15. »El mito de la igualdad a la construcción de la desigualdad. Recorriendo los mecanismos de selección social del sistema educativo argentino«, Arbeitspapier, vorgestellt im Kolloquium »La construcción del Estado social en la Argentina«, Unsam-Université de Paris 7-csic-Spanien, Buenos Aires, 4./5. September 2008.
  • 16. Patricia Mota Guedes und Nilson Vierra Oliveira: »La democratización del consumo« in Braudel Papers Nr. 19, Instituto Fernand Braudel de Economia Mundial, São Paulo, 2006.
  • 17. Manuel Mora y Araujo: »Evidencias y conjeturas acerca de la estratificación actual en Argentina« in R. Franco, A. León und R. Atria (Hrsg.): op. cit.
  • 18. Geschichte (Historia) unter www.ferialasalada.com.ar.
  • 19. G. Kessler: El sentimiento de inseguridad. Sociología del temor al delito, Siglo xxi Editores, Buenos Aires, 2009.
  • 20. Ana María Cerro und Osvaldo Meloni: Análisis económico de las políticas de prevención y represión del delito en la Argentina, Eudecor, Córdoba, 1999.
  • 21. G. Kessler und V. Espinoza: op. cit.
  • 22. United Nations Development Program (undp): Informe sobre Desarrollo Humano para Mercosur 2009-2010. Innovar para incluir: jóvenes y desarrollo humano, Libros del Zorzal, Buenos Aires, 2009.
  • 23. undp: op. cit.