Artículo

Entwicklungs-finanzierung und Reform der Finanzarchitektur. Eine Betrachtung zu Lateinamerika

Zusammenfassung | Die regionalen und multilateralen Banken spielen heute im wirtschaftlichen und sozialen Kontext in den lateinamerikanischen Ländern eine wichtige Rolle. Sie sind ein bedeutender Aspekt bei politischen Entscheidungen sowie bei der Bereitstellung von öffentlichen Gütern. Im Artikel wird argumentiert, dass die Entwicklungsländer angesichts der internationalen Krise mehr Freiheit für ihre Geld-, Handels- und Steuerpolitiken benötigen, um Mittel in die Beseitigung der Armut, die Einkommensumverteilung und die stärkere soziale Kohäsion kanalisieren zu können. Dafür ist eine neue internationale Architektur, die die finanzielle Stabilität garantiert, ausschlaggebend.

Entwicklungs-finanzierung und Reform der Finanzarchitektur. Eine Betrachtung zu Lateinamerika

Einführung

Zu Beginn der 2000er Jahre schien sich Lateinamerika einer neuen Welt gegenüber zu sehen: Die Preise der meisten von diesen Ländern exportierten Rohstoffe stiegen enorm. Daraus ergaben sich neue Finanzierungsquellen und die in den 80er-Jahren bestehenden ökonomischen Engpässe konnten überwunden werden. Die neuen Wachstumsschranken waren eher einer ungenügenden Infrastruktur und der Notwendigkeit zuzuschreiben, die Mittel im Einklang mit den Entwicklungszielen einzusetzen. Dank der günstigen äußeren Bedingungen konnten hohe Reserven angehäuft und neue Politiken zur Stützung des Wachstums entwickelt werden. Gegen Mitte 2008 hatte sich das Szenario jedoch drastisch geändert. Die in den USA ausgebrochene Finanzkrise breitete sich schnell aus und wuchs zu einer »globalen Krise«. Als Konsequenz stehen die lateinamerikanischen Länder einem weniger günstigen internationalen Umfeld mit fallenden Rohstoffpreisen, geschrumpftem Welthandel und Wachstumseinbußen gegenüber.

Zudem wurde 2008 inmitten des Strudels der Monterrey-Konsens überarbeitet und man stand zahlreichen neuen Herausforderungen gegenüber. Unter den herrschenden Bedingungen ist das Projekt zur Entwicklungsfinanzierung gefährdet und die Regierungen der Entwicklungsländer sind dazu gezwungen, sofort zu reagieren. Es ist jedoch auch ein guter Moment, um sich Gedanken über die Entwicklungen der Globalisierung zu machen und eine umfassende Debatte über die erforderlichen Reformen der weltweiten Finanzarchitektur zu führen. Unter Berücksichtigung all dieser Tatsachen hat die vorliegende Betrachtung vier Ziele: Als Erstes werden die alternativen Finanzierungsmodalitäten überprüft, die lateinamerikanische Länder im Laufe der Jahre zur Erlangung einer gewissen »Unabhängigkeit« von traditionellen Finanzierungsquellen, wie die Weltbank oder die Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank entwickelt haben. Als Zweites werden, mit einem besonderen Schwerpunkt auf das Fiskalsystem, die Auswirkungen für die Politik in den jeweiligen Ländern betrachtet, und als Drittes wird dieser Beitrag die Perspektiven der globalen Finanzarchitektur vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen untersuchen. Als Viertes werden schließlich die Schlußfolgerungen gezogen.

Entwicklungsfinanzierung

Inlandsersparnis. Während der 90er-Jahre unternahm Lateinamerika ein ehrgeiziges Liberalisierungsprogramm und priorisierte für die Verwaltung finanzieller Ressourcen den Privatsektor. Dies geschah durch die Privatisierung der öffentlichen Banken und Rentensysteme sowie die Öffnung der Kapitalmärkte. Trotz dieser Anstrengungen war das Inlandsersparnis weiterhin an die Steuerüberschüsse und die Einkommen aus dem Rentensystem gekoppelt, statt an steigende Zinssätze, die sich aus dem Liberalisierungsprozess ergaben. Diese geringe »Sensibilität« der Sparrate auf die Zinssätze hat zwei wichtige Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik: Die finanziellen Reformen, die reale Zinssätze anheben, führen nicht automatisch zu einer höheren privaten Ersparnis und Steueranreize zur Förderung des Sparens sind unwirksam. Zudem garantiert allein die Verbesserung der Ersparnisbildung nicht, dass diese Mittel tatsächlich für ein nachhaltiges Wachstum eingesetzt werden. Dafür müssen die Mittel den dynamischsten Wirtschaftssektoren zugeführt werden.

Obwohl in Lateinamerika das Finanzsystem von Banken dominiert wird, hat der produktive Privatsektor auch Zugang zu Finanzierungen auf dem Kapitalmarkt. Dieser Markt unterlag während der 90-er Jahre einem drastischen Wandel: Neue Gesetze wurden erlassen und mit einer Reihe von Vorschriften und Normen wurden die Börsen und Rentenmärkte neu organisiert. Diese Reformen und bessere Wirtschaftsdaten beschleunigten in den 90er-Jahren die Entwicklung dieser Sektoren. In vielen Fällen engagierten sich jedoch transnationale Unternehmen und Regierungen aktiver auf den internationalen Märkten als auf ihren lokalen Märkten, um aus der Internationalisierung Gewinn zu schlagen. Hier nutzte der öffentliche Sektor seine neuen Möglichkeiten und emittierte auf regionalen und internationalen Märkten, um seinen Finanzierungsbedarf zu decken. Trotzdem zeigten die Kapitalmärkte im Vergleich mit internationalen Standards nur eine geringe Kapitalisierung und Liquidität. Üblich waren Emissionen in Fremdwährungen und die von diesen Märkten profitierenden Akteure waren hauptsächlich Top-Unternehmen. Daher konzentrierte sich die Marktkapitalisierung auf nur wenige Papiere.

Die Erfahrung mit der Liberalisierung des Kapitals in Lateinamerika zeigte, dass die Kapitalmärkte mit den Entwicklungsanforderungen nicht vollständig im Einklang standen. Es müssen daher alternative Wege zur Kanalisierung der Ersparnisse in die produktiven Wirtschaftssektoren gefunden werden.

Internationale Direktinvestitionen: Revisionistische Einstellung und neue Akteure. Im Bestreben, von internationalen Direktinvestitionen (foreign direct investment, FDI) zu profitieren, entbrannte in Lateinamerika ein heftiger Konkurrenzkampf um die Investoren. Zahlreiche Länder schafften öffentliche Einrichtungen zur Förderung von FDI und zum Ausarbeiten von Politiken und Anreizen, um ausländisches Kapital anzulocken. In Argentinien wurde zum Beispiel die Institution ProsperAr zur Förderung von Investitionen gegründet und Brasilien startete das »Programm zur Beschleunigung des Wachstums« (Programa de Aceleração do Crescimento, PAC), um nur einige zu nennen.

In Lateinamerika gelang es während der Liberalisierung und durch die Abschaffung von Einschränkungen für die FDI nicht, eine vollständige Komplementarität mit den lokalen Ökonomien zu schaffen; im Gegenteil, transnationale Unternehmen durften das lokale Potenzial vollkommen für sich ausschöpfen. In vielen Fällen und im Widerspruch zur neoklassischen Theorie wurde bei den Investitionen ein Verdrängungswettbewerb (crowding-out) beobachtet. Das Verhältnis zwischen den FDI und den inländischen Investitionen ist nicht immer positiv. Die Ausgangsbedingungen, das lokale Potenzial und politische Instrumente sind wichtige Aspekte, um das Entstehen von technologischen Spillover-Effekten zu erklären. Ausländische Direktinvestitionen allein sichern noch keinen Technologie-Spillover; in den 90er-Jahren zeigte sich in Lateinamerika, dass die »Qualität« der FDI wichtiger ist als ihre »Quantität«. Die meisten transnationalen Unternehmen verfolgten in Südamerika ressourcenorientierte Investitionen und suchten nach natürlichen Rohstoffen, wie Kupfer, Gas und Öl. In solchen Wirtschaftsbereichen ist der Technologietransfer mit der einheimischen Wirtschaft eher gering, da diese Unternehmen eher als »Enklaven« arbeiten.