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Die Mittelschicht in der Geschichte Argentiniens

Zusammenfassung | Argentinien galt stets als ein Land mit einer starken Mittelschicht. Dieser Beitrag verfolgt die Ursprünge der argentinischen Mittelschicht und begründet die Ansicht, dass sie sich in Wirklichkeit erst in den 40er Jahren in Opposition zum Protagonismus der armen Bevölkerungsschichten in der Frühzeit des Peronismus endgültig konsolidierte. Im Lauf der Geschichte wurde ihre Identität als Mittelschicht immer wieder beschworen, wenn es darum ging, die sozialen Bewegungen einzudämmen und die Radikalisierung der Armen zu verhindern. Es gab jedoch auch Momente der Annäherung beider Schichten. Hier wird die Auffassung vertreten, dass diese Beziehung wesentlich war, um den mächtigeren Klassen entgegenzutreten.

Die Mittelschicht in der Geschichte Argentiniens

Die Entstehung der argentinischen Mittelschicht

Die Führungselite, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts den argentinischen Staat schuf, strebte eine Integration des Landes als Rohstofflieferant in die internationalen Märkte an. Die Umsetzung dieses Vorhabens führte zu einer schnellen kapitalistischen Entwicklung: Der Markt griff zunehmend tiefer in das tägliche Leben der Menschen ein, während gleichzeitig ein Staat entstand, der mächtig genug war, um die sozialen Beziehungen zu formen und zu regeln. Die neuen Wirtschaftszweige und Staatsfunktionen vervielfachten die Arbeitsmöglichkeiten. Händler, Selbstständige, Landwirte, Angestellte, Aufseher, Freiberufler, Techniker und Lehrer erlangten ein viel größeres Gewicht als sie bis dahin hatten und machten die soziale Struktur komplexer.

Gleichzeitig zerstörte die wirtschaftliche und politische Entwicklung bis dahin bestehende selbstständige Tätigkeiten und Beschäftigungen. Der Anteil derer, die in Lohnverhältnissen für andere arbeiten mussten, nahm in einem nie zuvor gekannten Maß zu; die soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung veränderte die Beziehungen zwischen den Einwohnern beträchtlich. Die Bestrebungen der Elite, ihr Vorhaben als »Zivilisationsprojekt« zu präsentieren, untermauerte die seit den Kolonialzeiten herrschende Sozial- und Rassendiskriminierung. Personen dunkler Hautfarbe und die als Criollos bezeichneten Nachfahren der ersten spanischen Einwanderer mit ihren »uneuropäischen« Gewohnheiten wurden gering geschätzt und ihnen wurde vorgeworfen, durch ihre »Barbarei« ein Hindernis für den Fortschritt zu sein. Dadurch konnten vor allem die Weißen (darunter viele europäische Einwanderer) aus den »zivilisierteren« Regionen des Landes, insbesondere der Pampa, die vom Kapitalismus gebotenen Chancen nutzen.

Die Veränderungen erfolgten schnell und die traditionelle Kultur vermochte es nicht, die neuen Hierarchien zu »ordnen«. Es war nicht mehr klar, wer zum »respektablen« Teil der Gesellschaft gehörte und wer nicht. Die Schule, die Intellektuellen, die Werbung und auch die herrschende Kultur bemühten sich, neue »anständige« Verhaltensnormen durchzusetzen oder die alten zu verstärken. Um sich von den »niedrigeren« Gesellschaftsschichten abzuheben und seinen erreichten oder angestrebten sozialen Status anzuzeigen, wurden neben dem Beruf und erworbenen Bildungsstand »städtische« Manieren, ein »gutes Erscheinungsbild«, ein angemessener Wohnort sowie ein »standesgemäßes« Verhalten der Frauen in der Familie mit einer entsprechenden Ausstattung an Kleidern und Accessoires unumgänglich.

In dieser unordentlichen städtischen Welt Argentiniens zum Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts war es für Viele fundamental, deutlich zu machen, dass sie Respekt verdienten. In diesem fruchtbaren Boden einer komplexen und sich verändernden Gesellschaft schlug ab den 20er Jahren langsam die Identität der »Mittelschicht« Wurzeln. Vielen ermöglichte die Vorstellung, der »Mittelschicht« anzugehören, für sich den ersehnten Respekt zu fordern: Auch wenn man nicht Teil der Elite war, so ließ man doch keinen Zweifel daran, dass man nicht zum Pöbel oder zur Unterschicht gehörte.

Die politische Ausnutzung der Mittelschicht

Die neue Identität der Mittelschicht entstand weder zufällig noch spontan. Der Ausdruck »Mittelschicht« wurde erstmals ab 1920 mit klaren politischen Zielen von einigen Intellektuellen verwendet.

Im Januar 1920 löste Joaquín V. González durch eine Rede im Senat eine heftige Polemik aus. Er forderte seine Kollegen auf, sich um die »Mittelschicht« zu kümmern, »die breiteste Schicht der Republik, die weder Streiks auslöst, noch ihren Willen durchsetzen kann«. In seiner Rede stellte González dieser nützlichen »Mittelschicht« eine zum größten Teil aus »unerwünschten Ausländern« zusammengesetzte Arbeiterschicht gegenüber, die ihre »Unzufriedenheit« und ihre »extremen Theorien«1 nach Argentinien mitgebracht habe. González war einer der einflussreichsten Politiker und wahrscheinlich einer der geistreichsten Intellektuellen der Elite, die das Land vor der demokratischen Öffnung führte. Seit den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts bekleidete er verschiedene Posten. Er war Gouverneur, Parlamentsabgeordneter, Senator und mehrfach Minister. González verband seine öffentliche Tätigkeit mit einer intensiven politischen Reflexion. Sein Werk ist geprägt von seiner Sorge über das Problem der Revolutionen und der »ungebändigten Leidenschaften der Massen«. Der Mittelschicht begann er jedoch erst 1919 gegen Ende seines Lebens Beachtung zu schenken. Er war besorgt über das Erstarken der Arbeiterbewegung und die Sympathien, die die Russische Revolution in Argentinien genoss. Es war auch 1919, als ein Arbeiteraufstand in Buenos Aires während der später so genannten Semana Trágica (die tragische Woche) das Land erschütterte, bis er mit mehreren hundert Todesopfern gewaltsam niedergeschlagen wurde. Es folgte eine bis dahin nie gesehene Welle von Streiks von Angestellten »in weißen Kragen« (Bank- und Büroangestellte usw.) und sogar Studenten, die in der »anständigen« Gesellschaft tiefe Besorgnis auslöste. González verfolgte aufmerksam die aus Europa eintreffenden Nachrichten und griff eine schon von seinen europäischen Kollegen mit gewissem Erfolg umgesetzte Idee für Argentinien auf. Er wollte einen Stolz der »Mittelschicht« entfachen, um die Forderungen der einen und der anderen zu trennen. Es gelang ihm, einen Teil des Volkes und insbesondere die Angestellten davon zu überzeugen, dass sie einer anderen, »respektableren« Schicht als der der Arbeiter angehörten und sie sich auf der Straße nicht mit diesen mischen sollten.In der Rede von González wurde wahrscheinlich zum ersten Mal öffentlich von einer Mittelschicht gesprochen. Bisher war dieser Begriff noch wenig bekannt. In der argentinischen Gesellschaft herrschte das Bild einer binären Sozialstruktur vor. Es gab einerseits die Menschen der »gehobenen« Schicht und andererseits den Pöbel. Dass es irgendeine mittlere Klasse zwischen diesen beiden Gruppen gab, wurde damals nicht anerkannt. Ein großer Teil der Büroangestellten, Lehrer, Telefonistinnen und Kleinbauern, die in jenem Jahr an den Streiks teilnahmen, fühlte sich als Teil des arbeitenden Volkes. Es gab damals keine Identität der Mittelschicht.

  • 1. Cámara de Senadores de la Nación: Diario de sesiones [Transkripte der Senatssitzungen], 1919, ii, S. 90-92.