Artículo

Auf der Suche nach dem verlorenen Kurs. Eine stilisierte Darstellung der argentinischen Wirtschaftsgeschichte

Zusammenfassung | Die argentinische Wirtschaft lässt sich nur schwer einordnen: Es handelt sich um den rätselhaften Fall eines Landes mit großem Potenzial, das jedoch im Vergleich zu anderen Ländern systematisch (und großenteils selbstverschuldet) zum Niedergang verurteilt ist. Vor dem Hintergrund dieser perplexen Situation untersucht der Artikel die Evolution der argentinischen Wirtschaft seit ihren Anfängen bis zur heutigen Zeit. Die Autoren versuchen, die entscheidenden Ursachen für ihre ständigen Schwankungen, ihre enttäuschende Entwicklung im letzten halben Jahrhundert sowie die Faktoren zu entschlüsseln, die trotz der guten Ergebnisse der letzten Jahre die aktuelle Lage überschatten.

Auf der Suche nach dem verlorenen Kurs. Eine stilisierte Darstellung der argentinischen Wirtschaftsgeschichte

Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will,für den ist kein Wind günstigSeneca

Einführung

Schon in den 60er Jahren wies Paul Samuelson darauf hin, dass es in der Weltwirtschaft vier unterschiedliche Arten von Ländern gebe: die Industrieländer, die Entwicklungsländer, Japan und... Argentinien. Obwohl es sich um eine bewusste Vereinfachung handelt, steckt in dieser tragischen Ironie ein Quäntchen Wahrheit. Mit seiner spitzen Bemerkung wollte Samuelson auf die Schwierigkeit hinweisen, den Fall Argentinien einzuordnen – eine Ansicht, die viele in- und ausländische Beobachter teilten und auch heute noch teilen: der rätselhafte Fall eines Landes mit einem großen Potenzial, das systematisch (und großenteils selbstverschuldet) zum relativen Niedergang verurteilt ist.

Während eine Reihe Entwicklungsländer (in Asien, aber auch in Lateinamerika) den Weg der Konvergenz einschlugen und die Bresche zu den führenden Ländern verkleinerten, schien die argentinische Wirtschaft ein klares Gegenbeispiel zu dieser Tendenz zu sein. Zur schwachen Dynamik der langfristigen Wirtschaftsleistung und den starken Schwankungen in den makroökonomischen Variablen kamen häufige Krisen hinzu.

War es daher nicht doch korrekt, eine Wirtschaft, die von einem mit den führenden Industrienationen vergleichbaren Pro-Kopf-Einkommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu der Zeit, als Samuelson seine Bemerkung machte, relativ stark zurückfiel, einen »Sonderfall« zu nennen? Dieser Niedergang erfolgte nicht nur im Verhältnis zu den führenden Volkswirtschaften, sondern auch im Vergleich zu vielen Nachbarländern und anderen aufstrebenden Nationen mit ähnlicher Faktorausstattung, wie Kanada, Neuseeland und Australien.

Was soll man angesichts der Unfähigkeit, nachhaltig zu wachsen, der extremen Schwankungen in den makroökonomischen Variablen, sowohl nominal als auch real, und der zunehmenden sozialen Ungleichheit nun von den letzten drei Jahrzehnten halten? Die argentinische Wirtschaft hat zwar schon vor 1960 eine bemerkenswert schwache relative Dynamik gezeigt; ab Mitte dieses Jahrzehnts verlief ihre Entwicklung jedoch schlechthin frustrierend und entmutigend. Die Wirtschaft brachte in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 4,5% zustande und wuchs in den folgenden vier Jahrzehnten im Durchschnitt immerhin noch 3,3% pro Jahr. Im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts erlitt sie jedoch einen jähen Einbruch mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von nur 1,3%. Da das Wachstum zu dieser Zeit gerade noch mit dem Bevölkerungswachstum einherging, blieb das Pro-Kopf-Einkommen praktisch eingefroren.

Diese klägliche Leistung wurde zudem von einer markanten Verstärkung der makroökonomischen Instabilität begleitet. Seit den 60er Jahren führten die wiederholten Versuche zur Stabilisierung der Wirtschaft zu häufigen Änderungen der Politik. Dadurch verstärkte sich dramatisch die Volatilität des Umfelds, in dem die Wirtschaftsakteure handeln mussten. Eine bemerkenswerte Eigenart der Funktionsweise der Wirtschaft war, dass das zur Stagnation tendierende Pro-Kopf-Einkommen tatsächlich das Ergebnis einer Folge von extremen Zyklen war. Diese Zyklen waren gekennzeichnet durch kräftige Aufschwungsphasen, denen wirklich chaotischen Zeiten wirtschaftlicher »Desorganisation« folgten und ein ausgeprägter Rückgang oder gar Zusammenbruch der Produktion. Nicht ohne Grund bezeichnete man diesen längeren Zeitraum als »Periode der Katastrophen«.

Unser trauriger wirtschaftlicher Werdegang kann nicht nur dem Schicksal oder dem Unglück (den objektiven Bedingungen) zugeschrieben werden, sondern auch dem, was wir als Gesellschaft daraus gemacht haben (dem subjektiven Faktor). Die erratische und prozyklische Natur der Wirtschaftspolitik selbst wurde zu einem autonomen Faktor, der die schwache Performance der argentinischen Wirtschaft nährte. Vielleicht steckt hier – und in den wirtschaftspolitischen Ursachen, die hinter dem offensichtlichen Versagen im Umgang mit dem makroökonomischen Zyklus und seinen jähen Schwankungen bei jeder fehlgeschlagenen Richtungsänderung verborgen sind – einer der Gründe für unser ewiges Scheitern. Und nicht, wie wir und aus Selbstgefälligkeit Glauben machen wollten, in der Existenz widriger Umstände. An Ortega y Gasset anlehnend könnte man sagen: »Zweifelsohne sind es die Umstände... aber auch die Menschen«.

Insgesamt bestehen keine Zweifel daran, dass die wirtschaftliche Bilanz unserer ersten zwei Jahrhunderte als unabhängige Nation viel zu wünschen übrig lässt. Die häufigen Rückschläge in der Wirtschaftsleistung und die pendelartigen Richtungswechsel in der Politik sind kennzeichnend für unsere Geschichte und müssen erklärt werden. Dies ist eine Grundvoraussetzung für eine Lösung, und um eine den aktuellen Möglichkeiten und Herausforderungen des Landes entsprechende kohärente Strategie für die wirtschaftliche Entwicklung ausarbeiten zu können.Aus diesem Blickwinkel und auf der Suche nach den notwendigen Voraussetzungen zum Verstehen unserer enttäuschenden Wirtschaftsgeschichte stellt dieser Beitrag den Verlauf der argentinischen Wirtschaft stilisiert dar. Er geht nicht detailliert auf die Alternativen und Dilemmata der jeweiligen Etappen ein, sondern identifiziert die Themen, die immer wieder als Herausforderungen und Probleme ohne Lösung auftreten. Weiter unten, und im Einklang mit dem Hauptantrieb für diesen Beitrag, wird die Frage gestellt, wie der verlorene Kurs wiedergefunden werden kann und es werden die Kriterien untersucht, nach denen sich eine makroökonomische Strategie richten sollte, um einen nachhaltigen Wachstumsprozess zu fördern.

Argentinien bis zur großen Depression: die Kornkammer der Welt

Obwohl das Land vor genau zweihundert Jahren zur unabhängigen Nation wurde, begann seine Institutionalisierung erst 1853, als die Verfassung in Kraft trat. Der Konsolidierungsprozess war jedoch beschwerlich und langwierig. Ein bedeutender Schritt war 1880 die Unterstellung der Stadt Buenos Aires unter die Zentralregierung, zusammen mit der Übertragung verschiedener Kompetenzen von den Provinzen an die Nation. Auf wirtschaftlicher Ebene war dieser Prozess jedoch erst zu Beginn des folgenden Jahrhunderts abgeschlossen, als die Zentralregierung ihr Monopol zur Geldemission und zur Kontrolle über die öffentliche Verschuldung auf den Kapitalmärkten durchsetzen konnte.