Artículo

Die Grenzen der Chancengleichheit

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Chancengleichheit gegenüber einer anderen sozialdemokratischen Vision, die der Autor Positionsgleichheit nennt, durchsetzen können. Diejenigen, die Chancengleichheit verteidigen, sorgen sich nach Dubet weniger darum, Ungleichheiten zu reduzieren, als darum, gegen Diskriminierungen zu kämpfen, die es erschweren, die sozialen Strukturen aufgrund von persönlicher Leistung zu durchbrechen. Der Autor vertritt die Meinung, dass die Linke Positions- und Chancengleichheit kombinieren sollte, dabei aber dem ersten Grundsatz Priorität einräumen sollte. Eine solche Position sollte jedoch nicht verwechselt werden mit einer konservativen Verteidigung des Wohlfahrtstaates.

Die Grenzen der Chancengleichheit

Zwei Arten, soziale Gerechtigkeit zu verstehen, sind heute miteinander verkettet, bestehen nebeneinander und rivalisieren untereinander. Ihre Definition und das Spannungsfeld, in dem sie sich bewegen, werden allerdings häufig durch die Großzügigkeit der Grundsätze, aus der sie die Inspiration schöpfen, und durch die Ungenauigkeit des verwendeten Vokabulars verdeckt. Beide Sichtweisen entspringen einem gemeinsamen Problem. Sie suchen die grundsätzliche Spannung in demokratischen Gesellschaften zu vermindern: nämlich die Spannung zwischen der Bekräftigung der grundsätzlichen Gleichheit aller Individuen einerseits und den realen sozialen Ungleichheiten andererseits, die durch Tradition, Interessenskonkurrenz und der »normalen« Funktionsweise moderner Gesellschaften entstanden sind. Diese zwei großen Lösungsansätze sind die Positionsgleichheit und die Chancengleichheit. In beiden Fällen geht es darum, gewisse soziale Ungleichheiten zu reduzieren, um sie, in der Gesellschaft in der wir leben, wenn auch nicht absolut gerecht, so doch akzeptabler zu machen.

Beide Sichtweisen der sozialen Gerechtigkeit sind korrekt: Es ist stark anzunehmen, dass wir in einer Gesellschaft leben wollen, die gleichzeitig relativ egalitär und relativ meritokratisch ist. Auch reagieren wir mit Entrüstung angesichts der Einkommensunterschiede zwischen den Ärmsten und denjenigen, die jährlich mehrere dutzend Mindestlöhne verdienen (Salaire minimum interprofessionnel de croissance – SMIC –, gesetzlicher Mindestlohn in Frankreich), und angesichts der Diskriminierungen von Minderheiten, von Frauen und diverser ausgesonderter Gruppen, die nicht darauf hoffen können, ihre soziale Lage zu verändern. Letztere sind sozusagen auf den ihnen zugewiesenen Plätzen gefangen. Auf dem ersten Blick geht es nicht so sehr darum, zwischen dem Modell der Positionen und dem Modell der Chancen zu wählen. Wie wir spätestens seit John Rawls und vielen anderen vor ihm wissen, geht es eher darum, dass eine demokratische und wirklich gerechte Gesellschaft die grundsätzliche Gleichheit ihrer Mitglieder mit den »gerechten Ungleichheiten« verbinden muss, die aus dem fairen meritokratischen Wettbewerb entstehen. Bekanntermaßen, ist diese Art der Alchemie das Kernstück einer demokratischen und liberalen politischen Philosophie, die jedem innerhalb der Grenzen eines gemeingültigen Gesetzes und »Vertrags« das Recht garantiert, sein Leben nach eigenem Gutdünken zu führen.

Positionsgleichheit

Das erste dieser beiden Konzepte der sozialen Gerechtigkeit befasst sich im Kern mit den Plätzen, die die soziale Struktur organisieren, d.h. mit der Gesamtheit aller von den Individuen eingenommenen Positionen, egal ob Männer oder Frauen, Mitglieder der sichtbaren Minderheiten oder der »weißen« Mehrheit, ob »gebildet« oder weniger »gebildet«, ob jung oder weniger jung. Dieses Bild der sozialen Gerechtigkeit lädt dazu ein, die Ungleichheiten in puncto Einkommen, Lebensbedingungen, Zugang zu Dienstleistungen, Sicherheit etc. zu reduzieren. Diese Ungleichheiten hängen mit den unterschiedlichen sozialen Positionen von Einzelpersonen zusammen, die sich jedoch in zahlreichen Aspekten voneinander unterscheiden: Qualifikation, Geschlecht, Alter, Talent etc. Die Positionsgleichheit will die Struktur der sozialen Positionen verdichten, ohne jedoch aus dem Zirkulieren der Einzelnen zwischen den verschiedenen ungleichen Positionen ihre Priorität zu machen. Die soziale Mobilität ist hier eine indirekte Konsequenz einer relativen sozialen Gleichheit. Mit anderen Worten, es geht weniger darum, den Arbeiterkindern zu versprechen, dass sie genauso viele Chancen hätten, Führungskräfte zu werden wie die Kinder der Letzteren, als den Abstand zwischen den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter und der Führungskräfte zu verringern. Es geht weniger darum, den Frauen gleichberechtigt den Zugang zu Stellungen zu ermöglichen, die heute den Männern vorbehalten sind, als dafür zu sorgen, dass die von Frauen und Männern besetzten Arbeitsplätze so gleich wie möglich sind.

Die Positionsgleichheit wurde von der Arbeiterbewegung und im weiteren Sinne von der politischen Linken befürwortet. Mehr als ein Jahrhundert lang versuchte sie, die Ungleichheiten zu reduzieren: durch die Einführung der Sozialversicherungen gegen die Lebens- und Wirtschaftsrisiken, durch die Umverteilung der Einkommen mittels Sozialabgaben und Steuerprogression und durch den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen und des Wohlfahrtstaates. Arbeitsbedingungen und Löhne, das sind die Gebiete, in denen in erster Linie soziale Ungleichheiten geschaffen und abgebaut werden. Die Länder, die diese Politik vorangetrieben haben, sind deutlich weniger ungleich als die anderen. Auch muss betont werden, dass das Modell der sozialen Gerechtigkeit eine Gesellschaft entwirft, die sich an sozialen Klassen und an den mit der Arbeit verbundenen Ungleichheiten orientiert. Darüber hinaus erstellt die Positionsgleichheit einen erweiterten Sozialvertrag und eine weitestgehend »blinde« Solidarität, welche die »Schulden«, das »Guthaben« und die Verantwortung eines jeden Individuums außer Acht lässt.

Dieses Gerechtigkeitsmodell stößt heutzutage auf vielerlei Kritik. Man wirft ihm insbesondere vor, einen korporatistischen Staat geschaffen zu haben, in dem jeder seine Position und seine erlangten Privilegien verteidigt. Daher sei er auch wenig effizient. Die liberale Kritik wird nicht müde, die hohe Arbeitslosenquote der korporatistischen Wohlfahrtstaaten hervorzuheben. Auch wird ihm vorgeworfen, das Vertrauen und die soziale Kohäsion zu schwächen, da jeder mehr auf den Staat als auf Andere angewiesen ist. Die Positionsgleichheit sei häufig konservativ. Blind gegenüber den von den Frauen und den Arbeitern erlittenen Diskriminierungen, würde sie weiße und qualifizierte Männer bevorzugen, sie würde jeden dazu verlocken, auf seinem Platz zu verharren statt ihn wechseln zu wollen. Ebenso falle es in einer globalisierten Welt, in der die Sozialversicherungssysteme im Wettbewerb miteinander stehen, zunehmend schwerer, die Positionsgleichheit zu verteidigen.